Freitag, 13. März 2009



Peter Müller (Bremerhaven):Kommissar Kammeiers 4.Fall: Die Hinrichtung, 2008

Personenregister:
Charly Kammeier,                                                                      Kommissar
Klaus Engelhardt                                                                        Kommissar
Simone Engelhardt                                                                  Kommissarin
Maria Kammeier                                                                               Ehefrau
Dr. Schulz                                                                                      Pathologe
van Heukelum                                                            Ltd. Kriminaldirektor
Bickerthal                                                                                  Staatsanwalt
Luigi Ferrano                                                    italienischer Mafia-Experte
Bruno Banani                                                                                               "
Jens Vanderbelt                                                                                    Kripo
Mario Lassi                                                                                  Mordopfer
Andrea Pasta                                                                                Mordopfer
Angelo Brani                                                                                                "
Adriano Brani
Guiseppe Brani
Franco Pista                                                                                                  "
Antontio Longio                                                                                           "
Luigi Gondola                                                                                              "

Treffpunkt Kaiserhafen
Es herrschte noch Sommer in Fishtown und das war gut so. Charly Kammeier war mit dem Wetter an der Nordseeküste zufrieden. An diesem Morgen saß Kammeier schon früh am Morgen in seiner neuen Lieblingskneipe, dem "Treffpunkt Kaiserhafen". Er dachte mit Freude daran, dass sie den letzten Fall erfolgreich mit Simones Hilfe gelöst hatten. Vor sich hatte Kammeier einen Becher Kaffee stehen.
Die Kellnerin mit dem russischen Dialekt, die aus Omsk stammte, beoachtete Kammeier.
Wenn Charly Kammeier aufstand und aus dem Fenster schaute, blickte er auf eines der Hafenbecken des Kaiserhafens. Überall waren jetzt Stellplätze für Import- und Exportautos entstanden. Vorbei die schöne Zeit der alten Schuppen.
Fischtown machte zurzeit einen Satz nach vorne. Selbst die "Süddeutsche" hatte registrieren müssen, dass Fischtown mit den Firmen, die Windenergieanlagen produzierte, sich an die Spitze gesetzt hatte. Kommissar Kammeier war stolz auf seine Stadt. Nicht nur wegen dem entstehenden Klimahaus 8°Ost und den restaurierten Kajenanlagen um den Neuen Hafen, nein, überall wurden jetzt Firmen angesiedelt und Arbeitsplätze geschaffen, wie z. B. oben auf dem Carl-Schurz-Gelände. Das war gut so.
An diesem Morgen hatte es Charly Kammeier Zuhause nicht mehr ausgehalten. Er musste einfach mal raus und eine Runde durch den Hafen fahren.
Diese Kneipe mit all ihren maritimen Erinnerungen wie z. B. an das legendäre Passierschiff "MS Norway" oder die ausländischen Geldscheine, die dort über der Theke hingen, war Fischtowns originellste Kneipe. Kammeier bestellte sich ein belegtes Brötchen und lächelte die Kellnerin freundlich an.
An diesem Morgen hatte er seine Kontrollfahrt durch den Kaiserhafen gemacht, hatte hier und dort ein paar Schwarz-Weiß-Fotos geschossen und wusste nun, dass die Autogaragen von BMW und Mercedes nicht voll standen. Vielleicht hatten die Autohersteller Betriebsferien?
Auch die Stellplätze für die Luxuslimosinen sahen eher leer aus.
An der alten Kaiserschleuse war Kammeier ausgestiegen, weniger um den Frachter im Schwimmdock von MWB zu betrachten, sondern um den Beginn der Bauarbeiten an der Kaiserschleuse zu beobachten. Die Arbeitsgemeinschaft Kaiserschleuse hatte ein zweistöckiges Containerbüro errichtet und auch die Zäune standen bereits. Man war dabei, den alten Deich zu schleifen. Hier sollte in einigen Jahren eine neue, längere und breitere Kaiserschleuse entstehen, um für den wachsenden Container- und Autotransport eine zweite Schleuse parat zu haben. Im Dezember wollte Bremenports mit den Rammarbeiten beginnen.
Der Pingelturm stand noch unbeschädigt und auch das alte Hydraulikgebäude machte einen intakten Eindruck.
Charly Kammeier nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. Warum war Kaffee so bitter und warum trank er das Zeugs überhaupt?
Kammeier streckte sich auf seinem Stuhl aus. Ja, er war mit seinem Leben zufrieden.
Charly Kammeier saß dicht am Fenster und konnte, wenn er aufstand, auf die Straße schauen, und weiter rechts drüben sah er das Haus der Spedition Meyer. Dort links an der alten Bananenkaje hatte in früheren Jahren der alte Bananenschuppen und das frühere Gebäude der Spedition Meyer gestanden. Dort hatte sein Onkel Günther lange Jahre im Büro gearbeitet. Onkel Günther hatte zusammen mit seinen Kollegen im Schichtdienst Bananenfrachter abgefertigt, das hieß Frachtpapiere fertig gemacht. Oft hatten sie nachts arbeiten müssen, und Onkel Günther war morgens um 6 Uhr nach Hause gekommen, übermüdet. Wenn sie dann Hunger gehabt hatten, waren sie während der Schicht in den "Treffpunkt Kaiserhafen" gegangen, um sich Koteletts mit Senf oder Hähnchen zu bestellen. Auch diese Zeiten waren vorbei. Charly Kammeier blickte auf seine amerikanische Armee-Uhr und stellte fest, dass heute der 13. August war. Ein historisches Datum. In der Tat.
Seit dem 24. Juli 2003 hatte an der alten, maroden Bananenkaje der legendäre Luxusliner "Norway" gelegen, dieses schöne Passagierschiff mit klassischen Linien. Wie oft war  Kammeier dort gewesen und hatte das schöne Schiff bewundert und fotografiert? Dann am 23. Mai 2005 wurde die MS Norway nach Indien zum Verschrotten geschleppt. Viele hatten da gestanden und geweint. Die MS Norway lag immer noch bei Alang/Indien auf  dem größten Schiffsfriedhof der Welt und  wartete ...
Maria und er hatten ein schönes Wochenende gehabt. Sie waren am Sonntag in Sheldon gewesen und hatten dort an der Geburtsfeier von Tante Emma teilgenommen. Tante Emma wohnte seit Jahren in einem Pflegeheim auf dem Lande und saß im Rollstuhl. Rollo hatte sie mit dem Auto aus dem Pflegeheim abgeholt.
Charly Kammeier sah nach draußen und es herrschte wundervolles Sommerwetter. Es war noch etwas kühl. Er dachte an seinen neuen Fall. Aus der senatorischen Innenbehörde in Bremen hatten sie eine umfangreiche Akte zugeschickt bekommen mit der Bitte, sich um diese alte Angelegenheit zu kümmern.



Die Hinrichtung
In der Nacht vom 14. auf den 15. August erreichte Kommissar Charly Kammeier gegen 2.35 Uhr ein Notruf auf seinem Handy. Die Einsatzzentrale war dran.
"Herr Kammeier, fahren Sie bitte sofort in die Hafenstraße Höhe Rickmersstraße. Kollegen haben dort fünf Tote gefunden, die von irgendjemand hingerichtet worden sind. Beeilen Sie sich."
"Roger over", meinte Kammeier und stieg in seine Klamotten.
In der Hafenstraße gegenüber dem Capitol von Fischtown angekommen, wurde Kammeier mit einer grausamen Bluttat konfrontiert. Eine Frau aus dem Stadtteil hatte in der Nähe der Rickmersstraße Schüsse oder Knallgeräusche gehört und eine zufällig vorbeifahrende Streife angehalten. In der Hafenstraße machten die Kollegen von Kammeier dann die erschütternde Entdeckung: Sie fanden fünf Tote. Drei Leichen lagen auf der Straße, zwei der Getöteten saßen jeweils in einem VW Golf und einem Kleintransporter. Als Kommissar Kammeier am Tatort eintraf, hatte man den sechsten Mann bereits mit einem Rettungswagen in das Klinikum gebracht. Kurz darauf erhielt Charly Kammeier die Nachricht, dass der Mann auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben war.
Es nieselte leicht und Kammer fand das Wetter zwar mild, aber doch irgendwie ungemütlich. Auch der Pathologe Dr. Schulz war schon am Tatort eingetroffen und damit beschäftigt, die Leichen zu untersuchen.
Kommissar Engelhardt war bereits vor Charly Kammeier am Tatort gewesen  und meinte zu seinem Chef:
"An allen Leichen haben wir Schussverletzungen am Kopf gefunden. Einige der Männer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die Spurensicherung wird zurzeit durch den Regen erschwert. Der VW Golf ist in Cuxhaven zugelassen. Wir lassen den Tatort zurzeit weiträumig absperren. Kollegen sind unterwegs, um Zeugen zu befragen."
Während sich Kommissar Kammeier die Toten zusammen mit Engelhardt ansah, meinte er:
"Das sieht  wie eine Hinrichtung aus."
Engelhardt sah seinen Chef an und meinte:
"Auf jeden Fall sind das keine Deutschen, das steht schon mal fest. Ich würde sagen, es sind Südländer. Ein Kollege hat vor kurzem einen Hinweis bekommen, dass zwei unbekannte Personen in dem dahinter liegenden Stichweg vom Tatort weggelaufen sein sollen. Die Kollegen von der kriminaltechnischen Abteilung untersuchen zurzeit den Tatort."
Kammeier holte tief Luft und dachte: Scheiße, und das mitten in der Nacht. Das können ja lustige Tage werden. Eins, zwei, drei haben wir die Presse hier. Das fehlt mir noch. Laut sagte er zu Engelhardt:
"Die hohe Zahl der Opfer erinnert mich auf makabere Weise an den siebenfachen Mord in Sittensen. Du erinnerst Dich vielleicht. Im Februar waren bei einem Raubüberfall in einem China-Restaurant die Betreiber und fünf Angestellte erschossen worden."
Charly Kammeier ging herum  und versuchte sich zu entspannen. Er musste sich eingestehen, dass er ziemlich aufgeregt war.
Komissar Kammeier sprach den Pathologen an. Dr. Schulz meinte:
"Es handelt sich bei den Toten um fünf Italiener zwischen 19  und 45 Jahre. Etliche Schüsse trafen die Männer im Hals und Kopfbereich. Wir haben am Tatort zahlreiche Geschosshülsen gefunden, es muss also oft geschossen worden sein. Die Opfer selbst waren unbewaffnet.
Die Kollegen der KTA haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass dort gegenüber am Gebäude eine Überwachungskamera angebracht ist, vielleicht kann ihnen die dort ansässige Firma weiterhelfen?
Nach einer kurzen Pause fügte Schulz hinzu:
"Wir werden im Laufe des 15. August die Leichen obduzieren und versuchen festzustellen, in welcher Reihenfolge die Opfer erschossen wurden."
Kammeier dankte Herrn Schulz  und bat um einen baldigen Bericht. Dann wandte er sich Engelhardt zu und sagte:
"Ich möchte, dass die Angehörigen der Opfer befragt werden."
Es war immer noch stockdunkle Nacht und es hatte wieder begonnen zu regnen. Charly Kammeier sah sich den Tatort an und dachte daran, wie oft er in der Rickmersstraße seinen BMW abgestellt hatte, um mit seiner Frau Maria in einem nahe gelegenen Restaurant zu essen. Charly Kammeier spürte eine erhebliche Spannung im Nackenbereich und auch im Kreuz und dachte: Die ganze Republik wird in wenigen Stunden nach Fischtown schauen. Wahrscheinlich kann man dann schon in allen überregionalen Zeitungen den Schlamassel lesen. Und es wird heißen: was die Polizei hat noch keine Spur? Die Mörder laufen noch frei herum? Am Morgen wird mich gleich mein Vorgesetzter anrufen und Druck machen und sagen: Der Staatsanwalt möchte auf dem Laufenden gehalten werden. Der Bürgermeister hat schon angerufen und sich erkundigt. Aus der senatorischen Innenbehörde liegt eine Mail vor, den Fall zügig zu behandeln.
Charly Kammeier beobachtete aus den Augenwinkeln, dass inzwischen Presseleute angekommen waren, die versuchten, an Informationen herum zu kommen und Fotos zu machen. Wie hatten die so schnell von den Morden erfahren?
Kommissar Kammeier warf einen Blick auf den Tatort. Überall sah man Polizei- und Mannschaftswagen mit blinkenden Blaulichtern stehen. Seine Kollegen hatten den Tatort weiträumig abgesperrt. Der Verkehr wurde umgeleitet. Die Hafenstraße hatte man zeitweise gesperrt. Neugierige Passanten behinderten die Arbeit der Polizei.
Aus den gegenüberliegenden Häusern sah man Menschen neugierig die Arbeit der Polizei verfolgen.
Bevor Kammeier ging, sagte er zu Engelhardt:
"Klaus, hör zu, schmeiß Deinen Computer an. Das ganze Programm. Fahr ins Büro und informiere BKA und Interpol. Ich will wissen, wer dahinter steckt. Wir treffen uns morgen früh um kurz nach 8 Uhr im Büro. Informiere schon mal Simone."

VendettaKurz nach 8 Uhr im Stadthaus am 15. August. Während die Kaffeemaschine beim Brühen  Krach machte, saß Kommissarin Simone Schwarzkopf lächelnd am Schreibtisch gegenüber Kammeier. Charly Kammeier war müde und unausgeschlafen. Er hatte einen unruhigen Schlaf gehabt. Unrasiert saß er da und meinte zu seiner jungen Kollegin
"Ach Simone, welcher Mann möchte nicht mir Dir auf einer Bank sitzen und kuscheln."
Simone kannte ihren Chef und lächelte wissend.
Nach dem Charly Kammeier sich einen Becher Kaffee genommen hatte, sagte er laut:
"Kommissar Engelhardt war die ganze Nacht fleißig. Was hat Kommissar Engelhardt herausgefunden?"
Klaus Engelhardt hatte dicke, dunkle Ringe unter den Augen und sah hundemüde aus, aber dann begann er zu reden:
"Nach Ermittlungen italienischer Fahnder gehörten die erschossenen sechs Italiener möglicherweise zur kalabrischen Mafia. Die Morde in der Hafenstraße seien eine ungewöhnliche Abrechnung, meint der Polizeivize der Provinz Calabria. Nach italienischen Medienberichten handelt es sich um eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Clans des kalabrischen Mafia-Syndikats Neovera. Nach Angaben der Zeitung "La Republica" gehören die Opfer zur Familie Cosenza, zu der auch der Wirt der Pizzeria "Da Angelo" zählt, vor der die Schießerei stattfand. Die Morde habe wiederum die verfeindete Familie Brani in Auftrag gegeben. Die beiden Sippen stammten aus der Stadt Rossario und führten seit 1991 eine blutige Fehde.
Laut "Corriere della Sera" geht die Auseinandersetzung auf ein Fest zurück, bei dem ein Mitglied der einen Familie einen Angehörigen der andere Sippe beleidigt haben soll. Zwischenzeitlich hätten die Fahnder angenommen, die Fehde sei beigelegt. Seit acht Monaten allerdings hätten die Ermittler elf neue Morde aus dem Umfeld der beiden Clans registriert. Im vorigen Jahr um die Weihnachtszeit sei eine Anführerin der Familie Brani umgebracht worden und daran habe sich die Fehde wohl neu entzündet.
Die italienische Nachrichtenagentur Ansa zitiert Luigi de Sena, den stellvertretenden Polizeichef. Die Präsenz von Kalabriern in Deutschland ist sehr stark, aber bisher haben sie sich immer zurückgehalten und versucht, nicht aufzufallen. Die italienischen Behörden haben kürzlich erklärt, dass die Neovera in Italien kurz davor stehe, mächtiger als die sizilianische Mafia zu werden."
Kommissar Kammeier lehnte sich zurück und meinte:
"Bisher hatten wir doch in Fischtown keine Mafia-Aktivitäten, oder?"
Klaus Engelhardt fuhr fort:
"Nach Auffassung des Mafia-Experten Rath ist unsere Stadt ein Stützpunkt der Neovera. Das hänge mit dem Zustrom von italienischen Fremdarbeitern zusammen, die hier Arbeit gesucht haben. Bei den Auseinandersetzungen gehe es in der Regel um Waffen- und Drogenhandel."
Nach einer Pause fuhr Engelhardt fort: "Ich habe in der vergangenen Nacht LKA und BKA eingeschaltet."
Kommissar Charly Kammeier hatte das Gefühl, dass das Ding eine Nummer zu groß für ihre kleine Mordkommission wurde. Engelhardt fuhr fort:
"Nach dem Bericht unserer Kriminaltechnischen Abteilung kamen die Killer mit Schnellfeuerwaffen, sie schossen 70 Mal und unsere sechs Opfer starben vor der Pizzeria, wo sie zuvor gefeiert hatten."
Um Punkt 10 Uhr fand eine Besprechung beim Leitenden Kriminaldirektor in Anwesenheit des zuständigen Staatsanwaltes statt. Kriminaldirektor van Heukelum teilte die Erweiterung der "Mordkommission Hafenstraße" um weitere 4 Personen mit. Van Heukelum sagte:
"Wir werden noch heute Abend Unterstützung vom BKA bekommen und morgen werden zwei Mafia-Fahnder aus Italien dazukommen. Der Kollege Engelhardt hat in der vergangenen Nacht gute Arbeit geleistet. Kammeier, Sie leiten die Mordkommission. Ich will regelmäßig informiert werden. Diese Sache hat absolute Priorität. Machen Sie mir keine Schande. Engelhardt, Sie halten weiterhin Kontakt zum BKA und zu den Italienern."
Am Nachmittag bekam die Mordkommission ein Fax vom Bundeskriminalamt, dass die italienischen Behörden beschlossen hatten, Fahnder nach Deutschland zur Unterstützung zu schicken. Rossario galt seit Jahren als Zentrum internationalen Drogenhandels. Es war von einem Umsatz von 35 Milliarden Euro die Rede.
Das Mittagessen lag ihm noch immer schwer im Magen, als Kommissar Kammeier im Büro vom neuen Kollegen Vanderbelt Besuch bekam. Jens Vanderbelt hatte in der Nacht und am Morgen die Zeugenbefragung geleitet. Er war jung, blond und gut aussehend, jetzt aber etwas müde. Vanderbelt sagte:
"Bei dem VW Golf handelte es sich um ein Fahrzeug mit Cuxhavener Kennzeichen. Der Lieferwagen war aus Fischtown. Die sechs Opfer waren Mitarbeiter und Inhaber der Pizzeria und hatten dort den Geburtstag eines 18-jährigen Auszubildenden gefeiert. Sie hatten das Lokal grade verlassen und saßen in zwei Autos, als die Mörder das Feuer eröffneten und die Wagen mit einer Vielzahl von Kugeln durchsiebten."
Simone Schwarzkopf kam herein und meinte:
"Ich habe Engelhardt nach Hause geschickt, er soll sich ein paar Stunden hinlegen. Ich hoffe, das ist in Ordnung. Ich habe den Bericht der KTA. Bei den Opfern handelt es sich um die Brüder Mario und Andrea, die in dem Lokal als Aushilfen arbeiteten. Weiter wurden der Inhaber Angelo Brani, der 16jährige Franco Pista, der 25jährige Antonio Longio und der aus Buxtehude stammende 18jährige Luigi Gondola getötet. Weiterhin soll ich einen Gruß von unserem Pathologen bestellen. Die Obduktion dauert noch. Die Kollegen der Spurensicherung haben das Restaurant und die Umgebung untersucht. Es gibt aber noch keine Ergebnisse.Ach, da ist noch etwas, dass ich Dir von Klaus ausrichten soll. Das BKA hat mitgeteilt, dass die italienischen Mafia-Ermittler einem der sechs Opfer auf der Spur waren. Eines der Opfer soll in Rossario einen vom anderen Clan ermordet haben. Nun ist der gegnerische Clan der italienischen Polizei zuvor gekommen."
Charly Kammeier stellte fest: "
Wir suchen zwei Männer, die dort von Passanten beobachtet worden sind."
Simone Schwarzkopf meinte:
"Klaus Engelhardt hat die Fahndung schon in der Nacht raus gegeben. Leider haben wir kaum Angaben."
Kommissar Kammeier sah aus dem Fenster und beobachtete das wundervolle Sommerwetter. Sie hatten draußen 24,5°C im Schatten. Und er hockte hier im Büro herum.
"Was macht die Auswertung der Überwachungskameras?"
Simone Schwarzkopf saß ihm gegenüber am Schreibtisch und beobachtete ihren Chef besorgt. Sie sagte:
"Noch keine Ergebnisse. Charly, willst Du Dich nicht für ein paar Stunden nach Hause verziehen und schlafen legen? Du siehst beschissen aus."
Charly Kammeier merkte es in allen Muskeln. Simone hatte Recht. Kurz darauf verließ er das Büro, fuhr nach Hause und schlief fast im Stehen vor seiner Couch ein.
Seine Maria fand ihn kurz darauf schlafend vor und legte ihm noch eine Wolldecke über.
Im Schlaf träumte Kommissar Kammeier davon, dass der Krieg der italienischen Mafiabanden weiterging in Fischtown. Charly und Maria saßen in einer netten Pizzeria , als mehrere junge Männer durch die Tür traten und versuchten, den Besitzer und das Personal zu erschießen. Noch ehe sie die Gelegenheit dazu hatten, stand seine junge Kollegin Simone da mit einer Pumpgun in den Händen und servierte die Mafiakiller mit einer Serie von Schüssen ab.
Plötzlich saß der leitende Kriminaldirektor mit am Tisch und meinte zynisch zu Kammeier:
"Muss Ihre junge Kollegin denn nun alle Fälle für Sie lösen?"
Die Mafiakiller lagen gefesselt am Fußboden, keinem hatte Simone mit ihrer Pumpgun ein Haar gekrümmt.
Van Heukelum lachte und meinte:
"Das nenne ich gute Arbeit, Kommissar Kammeier!"

Als Kommissar Kammeier am Abend mit seiner Frau vor dem Fernseher saß, hörte er die Stellungnahme des ehemaligen Chefreporter der ARD und Mafia-Experte Dagobert Lindlau, der hingegen die Neovera-Theorie bezweifelte. Es handele sich wohl eher um private Zwistigkeiten zwischen zwei kriminellen Familien, sagte er dem gleichen Sender. «Auslöser könnten Verteilungskämpfe oder Streitereien um Grundstücke gewesen sein. Es müssen ziemlich primitive Täter gewesen sein, wenn sie glauben, mit dieser Tat durchzukommen.
Für die in Verdacht geratene kalabrische Mafia-Vereinigung Neovera sei ein solches Blutbad völlig untypisch, sagte Lindlau. Bestechung oder andere Repressalien seien nach Ansicht der Anführer «geeignetere Mittel, um störende Leute gefügig zu machen.
Tja, dachte Charly, wer weiß, vielleicht müssen wir alles eine Nummer kleiner machen. Wie hieß noch dieses neue Sprichwort? Halte den Ball flach.
Als Kammeier seiner Frau von seinem Traum erzählte, lachte sie herzlich und nahm ihn in den Arm.

NeoveraAm Morgen des 16. August hatte Kommissar Kammeier für 9 Uhr eine Besprechung der Mordkommission mit den beiden italienischen Ermittlern angesetzt. Anwesend waren auch Kriminaldirektor van Heukelum und Staatsanwalt Bickerthal. Die beiden italienischen Fahnder Luigi Ferrano und Bruno Banani informierten umfassend über die Strukturen der kalabrischen Neovera. Mit der Auswertung der Videokamerafilme kam die Polizei nicht weiter. Die Bilder waren zu schlecht.
Luigi Ferrano führte aus, dass die Neovera die Vereinigung der kalabrischen Mafia sei, deren Aktionsradius heute ganz Europa, Nord- und Südamerika umfasse. Mit geschätzten 35 Mrd. Dollar Jahresumsatz gelte die Neovera heute als mächtigste Mafia-Organisation Europas.
Weiter sagte er:
"Die Wurzeln der Organisation reichen weit zurück. Im 19. Jahrhundert entstand sie aus Briganten und Rebellen in den Städten Plati und Rossario. Das Einkommen bestritt man vornehmlich aus Erpressungen und Entführungen. Die Herkunft des Namens ist nicht ganz geklärt. Er könnte sich vom griechischen andragathía (ανδραγαθία „Heldentum“) ableiten.
Nach Erkenntnissen europäischer Drogenermittler stellt die Neovera die bedeutendsten Gruppen im europäischen Kokain-Handel, noch vor den kolumbianischen Drogenkartellen. Die Dominanz der Neovera ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es ihr gelang, Teile des Geschäfts an sich zu reißen, als die sizilianische Cosa Nostra in den 1990ern unter Druck geriet. Weitere wesentliche Ertragsquellen sind Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressungen. Das Zentrum der Organisation liegt nach wie vor in Kalabrien in den Provinzen Reggio Calabria und Crotone.
Die Neovera zählt aktuell vermutlich etwa 7000 Mitglieder und umfasst etwa 90 Clans oder Cosche. Im Vergleich zur Cosa Nostra basiert die Mitgliedschaft in der Neovera weit stärker auf Blutsverwandschaft, die einzelnen Mitglieder nennen sich Neo und der Clan selbst Vera. Der Blutsverwandtschaft ist auch ein größerer Zusammenhalt zu verdanken: Bislang sind erst 157 Kronzeugen aus dieser Organisation ausgestiegen (zum Vergleich: In Sizilien sind es etwa 390).
Ähnlich wie in Sizilien die Kleinstadt Corleone gibt es auch in Kalabrien ein Dorf, das als Hochburg der Neovera bezeichnet wird: Platon am Fuße des Aspromonte, dem südlichsten Gebirge Italiens. Das Dorf hat unterirdische Gänge und Kammern mit getarnten oder versteckten Türen, die den Mitgliedern des Clans ein Verschwinden bei Gefahr ermöglichen
Trotzdem versuchte der italienische Staat immer wieder, Herr der Lage zu werden. Beispielsweise stürmten 2003 insgesamt über 1000 Carabinieri das Dorf mit nur 2800 Einwohnern, wobei 131 Verdächtige festgenommen wurden. Am 17. Juli 2007 konnte der aktuelle Boss der Neovera, Bellami, im Rahmen einer großangelegten Aktion gefasst werden.
Wir gehen davon aus, dass Antonio Longio, eines der Opfer des Duisburger Blutbades, offenbar das Ziel der Killer war. Antonio Longio wird vom Clan der Cosenza als einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Gina Brani, 33, angesehen. Gina war die Ehefrau des mutmaßlichen Clan-Chefs Giovanni Brani. Sie wurde am 1. Weihnachtstag 2006 ermordet.
Wir haben zwischenzeitlich die Kontrollen um das Dorf Rossario drastisch verschärft und wir haben Straßensperren errichtet. Die Angst geht um in dem 2000-Seelen-Dorf vor dem nächsten Racheakt."
Während jemand herum ging und Wasser und Kaffee reichte, begann Schirner, der Mann vom BKA kurz zu berichten:
"Die Mafia hat ihren Einfluss in Deutschland vergrößern können. In unserem Lagebericht 2006 haben wir 15 Gruppierungen ausgewiesen, die Verbindung zu Mafia-Gruppierungen wie Cosa Nostra, Camorra, Neovera und Stidde haben. Im Jahr vorher waren es nur 13 Gruppen. Die größere Zahl ist auf die größeren Einflussnahme der Neovera zurückzuführen.
Ich habe die Befürchtung, dass die beiden flüchtigen Mafia-Killer sofort nach der Tat nach Holland ausgereist sind.
Nach Angaben von Mafia-Experten hat es Anfang der 1990er Jahre in Kalabrien mehrere Ermittlungsverfahren gegen Clan-Angehörige wegen internationalen Drogenhandels gegeben. Offiziell seien in Deutschland 160 Angehörige der Clans aus der Mafia-Hochburg Rossario gemeldet. Nach Erkenntnissen des BKA sind Lösegelder aus Entführungen in Deutschland investiert worden. Im Raum Fischtown haben Clan-Angehörige Pizzerien und Discotheken eröffnet.
Italiens führender Mafia-Jäger Piero Grasso hatte vor wenigen Wochen gewarnt, Deutschland sei durch das Einsickern der italienischen Mafia massiv bedroht. Die Mafia versuche, in legale Wirtschaftskreisläufe einzusickern, hatte Grasso in einem Zeitungsinterview gesagt. Ziel der Mafia sei es, bislang namentlich nicht dem organisierten Verbrechen zugeordnete Mitglieder in die legale Wirtschafts- und Finanzwelt einzuschleusen. Grasso empfahl, konsequent Informationen von Mafia-Aussteigern abzuschöpfen, Telefone zu überwachen und V-Leute einzuschleusen."
Sie saßen dieses Mal im Konferenzraum im 3. Stock, für Kommissar Kammeier eine ungewohnte Situation. Gerne hätte er sich jetzt eine Zigarette angesteckt, aber er hatte sich das Rauchen bereits vor vielen Jahren abgewöhnt. Stattdessen nahm er einen Schluck Kaffee und beobachtete seine junge Kollegin Simone Schwarzkopf. Sie hatte Falten auf der Stirn, ein Zeichen dafür, dass sie sich über etwas ärgerte oder Sorgen machte. Kammeier machte sich auch Sorgen, ob sie die beiden Killer jemals fassen würde. Er dachte, dass die Verdächtigen längst über alle Berge Richtung Italien verschwunden waren. Oder sie wurden wieder in irgend einer Pizzeria in Husum oder woanders geparkt.
Gegen 11 Uhr saßen die Kommissare Kammeier, Engelhardt und Schwarzkopf wieder in aller Ruhe in ihrem schönen Büro im II. Stock und tauschten sich aus. Es war zum ersten Mal etwas Zeit zum reden. Charlie Kammeier sagte:
"Was denkt ihr?"
Klaus Engelhardt rieb sich nervös die Hände und antwortete:
"Das Wetter ist viel zu schön für diesen Fall. Ich finde, wir sind zu dem Fall gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Plötzlich mitten in der Nacht bricht ein sechsfacher Mord über uns herein, wir stehen da, beobachten, untersuchen und stellen fest, dass die Killer aus Italien stammen. Wir stellen fest, dass Mitglieder der Neovera hier mitten unter uns gelebt haben als harmlose Pizzeria-Besitzer oder Angestellte. Einer von ihnen, dieser Antonio Longio, soll ja wohl in Rossario eine Frau umgebracht haben. Da gibt es Familien- oder Clanstreitereien und wir haben die hier auszuhalten. Und ehe wir Zeit und Gelegenheit gehabt haben uns eine Meinung zu bilden, hat das italienische Innenministerium schon eine Stellungnahme im Internet und die italienischen Mafiafahnder haben schon Erklärungsmodelle parat. Warum wussten wir das alles nicht vorher? Die italienische Polizei war doch diesem Antonio Longio dicht auf der Spur. Gibt es keine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien auf diesem Gebiet?"
Simone Schwarzkopf hatte zugehört und meinte dann mit ihrer angenehmen Stimme:
"Ich hatte mir von den Videoaufnahmen mehr erhofft. Ich verstehe auch nicht, warum man sechs Menschen niederknallen muss, wenn man nur einen umbringen will. Für die Mafia sind wir Rückzugsgebiet. Die Devise lautet: nicht auffallen, das stört die Geschäfte, warum dann dieses Massaker?"
Jens Vanderbelt betrat das Zimmer und wandte sich an Kommissar Kammeier:
"Wir haben bei den Zeugenbefragungen noch jemanden gefunden, der möglicherweise die Killer gesehen haben könnte. Eine Angestellte der Pizzeria hat das Lokal etwas eher verlassen und ist dadurch dem Tod entgangen. Wir versuchen sie zu finden."
Kammeier lächelte dem jungen Kollegen zu und meinte:
"Gut gemacht."
Aber der neue Kollegin Vanderbelt war noch nicht fertig.
"Habt ihr einen Kaffee für mich?"
Simone schenkte ihm ihr schönstes Lächeln und schob ihm einen sauberen  Kaffeebecher hinüber. Danach begann Jens Vanderbelt mit seinem Bericht fortzufahren:
"Nach unseren Ermittlungen in dem Lokal "Da Angelo" sind in der Zeit zwischen 21.00Uhr und 0.00 Uhr mindestens 20 Menschen in dem Lokal gewesen. Sie sollten sich hier im Präsidium melden. Vielleicht hat einer der Gäste beim Verlassen des Restaurants möglicherweise die wartenden Killer gesehen und könnte uns eine Beschreibung liefern. Möglich ist auch, dass die Täter vor den Morden im Restaurant gewesen sind, um ihren Opfer auszuspähen.
Nach Zeugenaussagen sind in unmittelbarer Tatortnähe zwei männliche Personen gesehen worden, die mit der Tat in Verbindung stehen könnten. Die beiden Verdächtigen seien in eine auf dem Seitenstreifen geparkte dunkle Limousine gestiegen und seien mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Autobahnzubringer gefahren. Von dem Fahrer haben wir ein Phantombild anfertigen lassen. Er ist demnach 1,80 bis 1,85 Meter groß, schlank, hat schwarze, kürzere Haare und ziemlich lange Koteletten. Unterhalb des rechten Auges hat er einen dunklen Lebenfleck."
Charly Kammeier freute sich wie ein kleines Kind. Vanderbelt reichte das Phantombild hinüber.
Kammeier sagte:
"Machen Sie einen Text fertig und geben Sie eine Pressemitteilung raus, in der wir die Bevölkerung um Mithilfe bitten. Denken Sie auch an Plakate, Radio etc. Danke. Gut gemacht."

Rossario
Am Morgen des 17. August traf sich die Mordkommission pünktlich wie jeden Morgen um 9 Uhr in Kommissar Kammeiers Büro. Es war etwas abgekühlt in Fischtown, aber die Sonne kam bald heraus. Sie machten kleine Fortschritte. Dazu trug auch das Insiderwissen der Italiener bei.
Charly Kammeier erteilte zunächst Commissario Ferrano das Wort. Der gut gebräunte Ferrano, schon etwas älter, sah traurig aus dem Fenster, als würde er lieber am Weserdeich sitzen, als hier Mafiosos dingfest machen.
Ferrano räusperte sich etwas und meinte dann:
"Wir gehen davon aus, dass wir es mit einer Fehde zwischen zwei Clans zu tun haben. Möglicherweise geht es um die Kontrolle über ein Territorium in der unwegsamen Bergregion Aspromonte. Dieses Gebiet nahe der Küste des Ionischen Meeres gilt als Transportweg für den Kokainschmuggel. Das Restaurant "Da Angelo" in der Hafenstraße, vor dem die Bluttat nach einer Feier begangen wurde, gehört einem Mitglied des Brani-Clans, Giorgio Brani. Wir vermuten, dass die Killer dieser Bande angehören.
Die italienischen Behörden befürchten den Ausbruch eines Krieges unter den rivalisierenden Clans der Neovera. In Rom wird diskutiert, ob man das Heer nach Kalabrien entsendet.
Eines der Mordopfer, Antonio Longio wollte wohl in Deutschland Waffen kaufen und nach Italien schmuggeln. Der 25jährige wurde schon länger von uns überwacht.
Nach unseren Erkenntnissen war Antonio Longio auch an der Ermordung von Gina Brani beteiligt.
Wir wissen nicht, ob die Täter aus Italien oder aus dem Ruhrgebiet kamen.
In der vergangenen Nacht hat die italienische Polizei in dem kalabrischen Dorf Rossario mehrere Häuser durchsucht.. Wir haben auch mehrere Verdächtige und Verurteilte überprüft. Das ganze Dorf ist umstellt. Wir haben Straßensperren aufgestellt. Die Menschen dort haben Angst, dass die Fehde weitergeht."
Kommissar Kammeier grinste und meinte:
"Si Senior. Commissario, ich danke Ihnen für Ihre Ausführungen.
Klaus Engelhardt, der Mann für die Hintergrundarbeit meldete sich und meinte:
"Auf unseren Aufruf hin haben wir mehrere Hinweise bekommen. Diese beziehen sich auf einen breit gefächerten Personenkreis."
Der BKA-Beamte Schirner meldete sich zu Wort und sagte:
"Wir sind bei der Auswertung des Videomaterials noch nicht weiter gekommen. Wir werden die Filme jetzt den Spezialisten des BKA übergeben, damit dort versucht wird, das Bildmaterial aufzuarbeiten."
Kommissar Kammeier war nicht unzufrieden. Er lächelte und sagte:
"Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen, wir sehen uns morgen um 9 Uhr wieder hier. Danke."
Als die Kollegen gegangen waren, meinte Klaus Engelhardt zu seinem Chef:
"Heute schon die FAZ gelesen? Dort gibt es ein Interview mit dem ehemaligen Mafiakiller Basile. Charly, Du hattest das mal Pizza-Connection genannt."
"Was meinst Du?", fragte Kammeier.
"Naja, sie schreiben: Fischtown ist nach Ansicht des früheren Mafioso Giorgio Bronke eine Hochburg der kalabrischen Mafia. Zudem sei Deutschland ein Lieblingsversteck der Neovera. „Die Deutschen müssen einfach verstehen: Wo es Pizza gibt, ist auch die Mafia zu Hause. Weil viele Restaurants mit deren Geld finanziert sind“, sagte er in einem Interview, das er laut Zeitung an einem geheimen Ort gegeben hat. Der frühere Auftragskiller der Neovera ist Kronzeuge der italienischen Polizei und soll zur Festnahme von rund 50 Mafiosi beigetragen haben."
Kommissar Charly Kammeier meinte:
"Das ist schon komisch, dass ich schon ganz oft gedacht habe, dass die Mafia ihre Killer in den deutschen Pizzerien parkt. Scheint doch was dran zu sein."
Der restliche Freitag verlief ruhig. Kammeier besprach sich mit Engelhardt und Schwarzkopf, wer am Wochenende den Notdienst im Büro machen sollte, und wer auf Bereitschaft nach Hause durfte. Sie einigten sich darauf, dass Kommissarin Schwarzkopf ins Wochenende zu ihrem Freund nach Bremen geschickt wurde. Klaus Engelhardt erklärte sich bereit, das Wochenende über im Büro zu bleiben. Wenn die Situation sich zuspitzte würde er Kammeier sofort anrufen und seine Verstärkung anfordern. Es war Freitag Nachmittag gegen 15.30 Uhr, als Charly Kammeier erleichtert und mit einem etwas schlechten Gewissen nach Hause zu seiner Maria fuhr. Es regnete wieder einmal und die Temperatur war abgekühlt auf 15°C. Maria und er mussten noch zum Bäcker und beim Edekamarkt einkaufen.

Als die Kommissare Kammeier und Schwarzkopf das Büro verlassen hatten, betrat der italienische Kollege Luigi Ferrano das Büro, lächelte freundlich, bat um einen Kaffee und zwei Stück Zucker. Nach einer Weile des Schweigens sagte er:
"Es war am 11. März, als die italienische Polizei wegen der Blutfehde der Neovera und der Cosenza im Dörfchen Rossario ein Haus durchsuchte. Hinter einer Korridorwand entdeckte sie einen geheimen Raum mit vier Betten und interessanter Ausstattung: zwei Pistolen, Munition, Gesichtsmaske, technische Ausrüstung zum Abhören von Polizeifunk, Banknoten - und das Kärtchen des Bremerhavener Restaurants, vor dem jetzt das Blutbad stattfand. 2001 ist das "Da Angelo" schon einmal in den Focus der Beamten gerückt, sagte Roms Vize-Innenminister Marco Minniti der Zeitung "La Republica": Damals hätten Carabinieri im Zusammenhang mit illegalen Investitionen ermittelt. Schlüssig, dass sie das Lokal seither nicht aus den Augen verloren: Erst im Mai, berichtet der "Corriere della Sera", habe die italienische Polizei über Interpol die deutschen Kollegen um Hilfe gebeten. Das Schreiben enthielt Namen und Orte, die überwacht werden sollten - darunter der Name "Da Angelo".
"Das ist ja hochinteressant", meinte Klaus Engelhardt und machte sich im Computer Notizen.
Es war ruhig geworden im Stadthaus. Man hörte keinen Laut mehr. Tja, dachte Engelhardt, Charly hat`s gut. Schönes Wochenende, Alter.

Das Dossier (1)
Als Charly Kammeier am Samstag morgen, den 18. August um 6 Uhr aufstand, wurde er von der hellen Sonne geblendet, die durch das Fenster herein fiel. Es würde ein guter Tag werden, das spürte er. Kammeier sah aus dem Fenster und entdeckte, dass auf dem Baum gegenüber schon die ersten Blätter gelb wurden. Er ging in die Küche; um sich einen schönen, starken Kaffee zu brühen. Kurz darauf saß er wie jeden Morgen am Computer und surfte im Internet. Unter Google-News gab er das Stichwort Fischtown ein und suchte nach neuen Informationen über seinen Fall. Und siehe da, die Schweizer Behörden meldeten sich zu Wort und verkündeten, dass es in der Schweiz auch eine Mafia gab und dass die Schweiz der Tresor der Mafia sei. Tja, dachte Kammeier, nichts wirklich Neues, aber beruhigend.
In einer sächsischen Zeitung las er, dass die Kripo dort dabei war, 41 Aktenordner für die Kripo in Fischtown zusammenzustellen.
Noch mehr Arbeit, dachte er.
Ihm wurde auf einmal heiß und kalt, weil er wieder an diesen internen Bericht aus der senatorischen Behörde denken musste, den er immer noch nicht gelesen hatte. Und wenn der nun etwas mit ihrem neuen Fall zu tun hatte....? Wenn darin die Warnung der italienischen Polizei steckte mit der Bitte das Lokal "Da Angelo" zu überwachen? Nicht auszudenken. Wo war der Bericht eigentlich?
Gegen halb acht Uhr saß Charly Kammeier immer noch am PC und versuchte seine Gedanken und den Fall zu ordnen. Aus dem Wohnzimmer hörte er seinen Lieblingssender Fischtown1, einen Oldie-Sender. Die Temperaturen waren auf +15°C angestiegen. Seine Frau Maria lag noch im Tiefschlaf. In der Presse war sein Fall inzwischen aus den Schlagzeilen verschwunden. Man fand kaum noch etwas Neues. Das war auf der einen Seite gut so, sie konnten in Ruhe arbeiten. Er überlegte einen Augenblick lang, ob er seinen Kollegen Engelhardt im Büro anrufen und sich über den Stand der Ermittlungen informieren sollte. Ach, das konnte noch warten. Engelhardt würde sich melden.
Nein, Engelhardt sollte mal in den Bericht der Innenbehörde schauen. Der musste auf seinem Schreibtisch liegen.
Charly Kammeier nahm das Telefon und rief im Büro an. Es dauerte eine Weile bis sich Klaus Engelhardt meldete.
"Kriminalpolizei Engelhardt."
"Hier ist Charly, hör mal, ich habe Anfang der Woche einen geheimen Bericht von der senatorischen Dienststelle bekommen, der muss auf meinem Schreibtisch liegen. Schau da mal rein, ob es etwas Eiliges ist oder ob es möglicherweise etwas mit unserem Fall zu tun hat."
Man hörte, wie Engelhardt am kramen und suchen war und nach einer Ewigkeit meinte er:
"Du, ich kann solchen einen Bericht hier nicht finden."
"Mein Gott, wenn der was mit unseren Fall zu tun hat."
"Charly entspann Dich, ich werde später noch mal ganz in Ruhe und mich dann bei Dir melden."
"Was macht der Stand der Ermittlungen?" wollte Kammeier wissen.
"Die italienische Polizei hielt im kalabrischen Reggio ein Krisentreffen zu den Morden von Fischtown ab. Daran nahmen auch Staatsanwälte der Region, die sich mit dem Anti-Mafia-Kampf befassen, teil. Die Spitzen der kalabrischen Polizei wurden aus den Ferien zurückgerufen, damit sie die Ermittlungen vorantreiben können. In der Geschichte der Neovera habe es noch nie einen einzigen Vergeltungsschlag mit so vielen Toten gegeben, hieß es. Rund um Rossario errichtete die italienische Polizei Straßensperren, um mögliche Racheakte zu verhindern," meinte Engelhardt und "interessant, aber uns bringt es hier vor Ort heute auch nicht weiter. Na ja, vielleicht wird der Fall in Italien gelöst."
"Ach, noch eine Info aus Italien: einer der getöteten Italiener, Angelo Brani, war Ende 2005 aufgrund eines italienischen Haftbefehls in Amsterdam verhaftet und nach Italien ausgeliefert worden. Er soll der Wirt des "Da Angelo" gewesen sein."
Charly Kammeier wanderte mit seinem Kaffeebecher unruhig in der Wohnung herum, sah aus dem Fenster und beobachtete, dass nicht nur zur Straßenseite die Blätter auf den Bäumen gelb wurden, sondern auch auf der Rückseite. Die ersten Anzeichen für den Herbst, dachte er. Für die vergangene Nacht hatten sie nur 8°C angesagt gehabt. Ein freundlicher Tag mit leichten silbernen Wolkenstreifen am Himmel.
Beim Frühstück überraschte ihn Maria nicht nur mit frischen Brötchen, sondern auch mit Nachrichten aus Fischtown. Maria meinte:
"Das hast Du nun von Deiner Begeisterung für Windenergie. Der Anlagenhersteller Multribrid will Teile zweier großer Windräder aus dem Fischereihafen zu ihrem Standort östlich der Autobahn bringen. Allerdings sind Autobahn und Gleise im Weg. Es gibt richtig Unruhe unter den Anwohnern."
"Ach Gott Maria, dafür wird sich auch noch eine Lösung finden", meinte Charly und lächelte.
Aber Maria las weiter und verkündete stolz die nächste Überschrift:
"Modernste Drucktechnik feiert Weltpremiere in Fischtown. Platzek investiert 26 Mio Euro in neues Druckhaus."

Im Stadthaus 6 saß Klaus Engelhardt und machte Wochenenddienst. Es klopfte an der Tür und das neue Mitglied der Mordkommission kam herein. Sven Vanderbelt lächelte mit seinem jugendlichen Charme und sagte zu Engelhardt:
"Wir haben ein Gewehr mit der dazugehörigen Munition sichergestellt. Es liegen noch keine Anhaltspunkte vor, dass diese Waffe bei dem Mehrfachmord verwendet worden ist. Das Gewehr wird jetzt von der KTA kriminaltechnisch untersucht."
Nachdem Engelhardt einen Blick auf das freundliche Wetter und Himmel mit kleinen Silberstreifen geworfen hatte, sagte er Vanderbelt:
"Es macht Hoffnung, immerhin. Mann, was haben wir für ein geiles Wetter draußen."
Vanderbelt hatte noch seinen Kaffeebecher in der Hand, als die Tür nochmals aufging und der italienische Fahnder Bruno Banani herein kam und aufregt erzählte:
"Der 25-jährige Antonio Longio, war ein hohes Tier im Cosenza-Clan. Eigentlich hätte Antonio bei der improvisierten Geburtstagsfeier von Luigi Gondola nicht dabei sein dürfen. Es war ein fataler Zufall, dass es doch so gekommen ist. Denn Antonio hatte mit den anderen Opfern nicht viel gemein. Der korpulente Marco war nämlich ein schweres Kaliber in der Hierarchie der kalabresischen Mafia.
Das wussten auch die anderen Opfer, mit denen er bis nach zwei Uhr den Geburtstag des 18-jährigen Gondola gefeiert hatte. Antonio war ein gestandener Boss und konnte mit seinen erst 25 Jahren schon auf eine beachtliche Karriere innerhalb der Neovera zurückschauen. Er arbeitete formell zwar in Rossario in einer kleinen Fensterfabrik. Doch er gefiel sich in der Rolle des tollkühnen Clan-Mitglieds, der sich auch spendabel zeigte. Er war wenige Tage zuvor aus Rossario nach Fischtown gekommen und war einer der wenigen Mitglieder des Cosenza-Clans, die sich noch frei bewegen konnten – wenn auch stets unter wachsamer Beobachtung. Alle anderen wichtigen Mitglieder waren bereits untergetaucht.
Für die Ermittlungsstellen war Antonio längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. So hatte Longio einige Schecks reinzuwaschen versucht und war wegen schweren Diebstahls verurteilt worden. Doch das alles mutet wie eine Bagatelle an – angesichts der „Geschäfte“, die er demnächst mit auf den Weg bringen wollte. Die Polizei in Rossario und Reggio Calabria überwachte ihn, weil er einen Draht zu den Bossen von Rossario hatte, die dort die alleinige Herrschaft anstrebten.
Antonio soll ebenfalls beim Attentat auf den rivalisieren Clan von Giorgio Brani in Rossario involviert gewesen sein. Es war Weihnachten 2006: Ein Killerkommando lauerte Giorgio Brani auf. Der 39-jährige Clan-Chef konnte sich retten, seine 33-jährige Frau Gina Brani aber nicht. Grund für das Attentat war die alleinige Vorherrschaft des Cosenza-Clans in Rossario im florierenden Kokainhandel. Und Antonio sollte dafür sorgen. Das 2000 Einwohner zählende Dorf gilt schließlich als Umschlagplatz von kolumbianischem Kokain, das dann in ganz Europa vertrieben wird.
Einen Monat später holte Giorgio Brani zum Racheakt aus. Der rivaliserende Clanchef Bellami sollte eliminiert werden. Doch auch der 35-jährige Rivale überlebte das Attentat und tauchte unter. Als die Polizei im vergangenen März eine Hausdurchsuchung in Bellamis Haus im Stadteil Ricciolío von Rossario vornahm, fand sie in einem Geheimbunker neben Waffen und Geldscheinen eine Visitenkarte des Fischtowner Edelrestaurants „Da Angelo“. Das Lokal sollte deswegen unter polizeiliche Beobachtung gestellt werden. Insbesondere sein Inhaber, Giorgio Brani, und dessen Bruder Angelo sollten observiert werden. Ein entsprechendes Rechtshilfegesuch der italienischen Behörde stand kurz davor, den deutschen Stellen zugestellt zu werden. Das Gesuch kam zu spät.
In Fischtown wollte Antonio nicht auffallen. Deshalb hatte er sich mit seinem Mietwagen nach Deutschland aufgemacht. Er war nach Fischtown gekommen, um illegal Schnellfeuerwaffen zu besorgen. Sein Telefon wurde bereits zu dieser Zeit abgehört. In einer Mitteilung an die deutschen Behörden, die im Mai erfolgte, sollen die italienischen Ermittlungsstellen gerade über diese bevorstehende Reise Antonio informiert haben.
„Da Angelo“-Inhaber Giorgio Brani ist unterdessen untergetaucht. Wann das geschah, wird zur Zeit noch ermittelt. Ob er die undichte Stelle war, die dem auflauerden Killerkommando den entscheidenden Tipp gab? Das wäre allerdings in den Augen des Clans ein folgenschwerer Verrat, der mit Mord bestraft werden soll."
Sven Vanderbelt meldete sich noch einmal zu Wort:
"Ich hatte vergessen zu berichten, dass wir bei den Wohnungsdurchsuchungen der Opferangehörigen mögliches Beweismaterial gefunden haben. Konkretes nächste Woche."
Klaus Engelhardt hatte alles fleißig mitgeschrieben und im Computer mit Aktenvermerken für seine Kollegen notiert.

Während die Kollegen im Stadthaus weiter an dem aufregenden Fall arbeiteten, war Charly Kammeier mit seiner Frau nach Sheldon gefahren und dort nach dem Mittagessen zum Bohnen schnibbeln verdonnert worden. Der Mittagsschlaf musste ausfallen. Draußen blühte das schönste Wetter der Weltgeschichte und Charly fluchte innerlich. Aber es war gut, unter Menschen zu sein. Der Samstag blieb ruhig, kein Anruf aus dem Büro. Nur in der "Bildzeitung" fand er einen ganzseitigen Artikel zum Thema 6facher Mord in Lehe.
Es war schon spät geworden, als Kammeier mit einem Jever-Bier an seinem Computer saß. Er ging zu seiner Frau hinüber. Sie saß im Esszimmer und las ein neues Buch: Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra.
Pizza-Connection
Sonntag, der 19. August begann für Kommissar Kammeier damit, dass er keine Lust hatte aufzustehen. Erst gegen 8 Uhr quälte er sich endlich lustlos aus dem Bett, öffnete die Balkontür und war überrascht über die Außentemperatur von nur 15°C. Der Himmel war bedeckt und sah nicht nach einem schönen sonnigen Tag wie eigentlich angekündigt aus. Seine Frau Maria schlief noch tief.
Im Internet musste der Kommissar lesen, dass die Morde nach Ansicht des Experten Rath hätten verhindert werden können, wenn die örtliche Behörde rechtzeitig informiert worden wäre. Und Rath wusste aus Akten des sächsischen Verfassungsschutzes, dass die Mafia in Pizzerias mindestens 30 Killer geparkt hatte. Stand das alles auch in dem geheimen Bericht aus der senatorischen Behörde, war das vielleicht eine Warnung gewesen?
Gegen Mittag bestellten sich Kammeiers einen Tisch im "Lloyds" am Neuen Hafen. Als Charly Kammeier gemeinsam mit seiner Maria die Straße An der Allee betrat, fing es an zu regnen. Maria schimpfte, sie mochte keinen Regen. Sie stellten ihren alten 7er BMW am Auswandererhaus ab, freuten sich über die vielen auswärtigen Autokennzeichen als Zeichen für viele touristische Gäste und spazierten zur ehemaligen Debeg-Halle. Kammeier registrierte mit Neugier und Freude drei neue Traditionsschiffe an der Schiffergilde, die er noch nicht kannte. Maria bestellte sich Putenschnitzel und Charly Matjes mit Bratkartoffeln. Von ihrem kleinen Tisch hatten sie einen wundervollen Blick auf das Wasser. Hin und wieder musste Kammeier an die Morde vor der Pizzeria denken, aber zur Zeit schien an dieser Front alles ruhig zu sein. Nach dem Essen spazierten sie gemütlich um den Neuen Hafen herum. Kammeier schoss ein paar Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Fischkutter, der dort neu lag.
Am späten Nachmittag telefonierte Charly Kammeier mit seiner Freundin Funny, sie sich nach dem Stand der Ermittlungen erkundigte. Kammeier hielt sich bedeckt. Schließlich sagte sie: mir ist es nur Recht, wenn sich die Mafiosis gegenseitig umbringen, dann können wir Steuergelder sparen. Kammeier musste grinsen.
Nach dem Abendessen fiel Charly Kammeier etwas ein, dass er schon lange vergessen und nicht mehr praktiziert hatte: Inemuri. Sein Kollege Engelhardt hatte irgendwann einmal das Buch von Brigitte Steger angeschleppt. Dort wurde beschrieben, wie die Japaner diesen 10minüten Kurzschlaf in der U-Bahn oder auf der Arbeit praktizieren. Und tatsächlich erlebte Kammeier diese 10 Minuten schlummern und vor sich hindösen als reinigend und erfrischend. Er wollte versuchen diese Technik auch hin und wieder im Büro zu praktizieren.

Inemuri
Am Montagmorgen, den 20. August begann es mit wundervollem, sonnigen Wetter in Fischtown. Gegen 9 Uhr fand wie jeden Morgen die Sitzung der Mordkommission im Stadthaus 6 statt. Klaus Engelhardt hatte das ganze Wochenende über Dienst gemacht und sah erbärmlich aus. Als Berichterstatter erklärte er:
"Wir geben heute die Leichen für die Beerdigungen in Italien frei. Nach wie vor haben wir keine heiße Spur. Nach der Veröffentlichung des Phantombildes haben wir über 150 Hinweise bekommen. Die Hinweisgeber stammen nicht nur aus Fischtown, sondern kommen auch aus dem Ausland wie Italien und Paraquay. Wir gehen zur Zeit auch Hinweisen aus Holland nach."
"Danke Klaus", sagte Kommissar Kammeier und schaute in die Runde.
Commissario Ferrano meldete sich zu Wort:
"In Italien gibt es einen Streit wegen der Beerdigungen. Die Familie von zwei Opfern möchte eine feierliche öffentliche Beerdigung, die Kollegen der örtlichen Polizei lehnen das allerdings ab, weil die Gefahr besteht, dass es zu einer erneuten Schießerei kommt.
In dem Ort Rossario waren nach der Bluttat tagelang alle Männer von der Straße verschwunden. Rossario ist zur Geisterstadt geworden. Aus Angst wagt sich niemand mehr auf die Straße.
Nach dem Mafia-Mord in Fischtown machen Bürgerbewegungen in Kalabrien gegen die Mafia mobil. Für den 28. August ist eine Großdemonstration gegen das organisierte Verbrechen geplant. Die Regierung plant unterdessen umfangreiche Anti-Mafia-Maßnahmen.
Zu der Großdemonstration werden Tausende von Menschen in der Stadt Catarazzi erwartet. An der Kundgebung wollen sich Politiker, Intellektuelle, Kaufleute und Unternehmer beteiligen, die von der Mafia erpresst werden. In Kalabrien und Sizilien zahlen 70 % der Unternehmen den sogenannten Pizzo (Schutzgeld) an die Mafia.
Die Organisatorin der Kundgebung, die Senatorin Rosa Calipari sagte: die Mafia beeinflusst das Leben in ganz Süditalien und verhindert das Wirtschaftswachstum. Die Jugend wandert aus und niemand will mehr hier investieren. Nur wenn wir Kalabrien von der Armut und der Mafia befreien, können wir den ehrlichen Jugendlichen eine Alternative geben.
Die Kaufleute im Süden sind bereits dermaßen eingeschüchtert, dass immer mehr Selbständige freiwillig Schutzgeld zahlen. Callipo fordert den Einsatz des Heeres zum Schutz der Betriebe gegen die Organisierte Kriminalität. Im Süden seien in den vergangenen fünf Jahren 375.000 Betriebe von der Mafia in den Ruin getrieben worden. Das Heer soll die Mafiosi von den Betrieben fernhalten. Der Staat muss wieder die Kontrolle über das Territorium übernehmen. Die Staatssouveränität ist in vielen Teilen Süditaliens gefährdet.
Die Nerovera besitzt Immobilien in fünf Kontinenten und investiert massiv an der deutschen Börse, berichtete der italienische Justizminister. Die Mafia ist zu einer Multinationalen mit Verstrickungen in allen Schlüsselstaaten geworden.
Die Mafia setzt nach Angaben von Top-Fahndern etwas 100 Milliarden Euro um- das ist doppelt soviel wie der Jahresumsatz des Fiat-Konzerns. Die Organisierte Kriminalität ist damit zum größten Unternehmen des Landes geworden."
Charly Kammeier schlürfte seinen heißen Kaffee und sah in die Runde. Simone Schwarzkopf, Klaus Engelhardt, Jens Vanderbelt, die beiden italienischen Kollegen Ferrano und Banani und die zwei neuen Kollegen Verena Busche und Tim Meyer.
Klaus Engelhardt fiel noch etwas zu seiner Berichterstattung ein:
"Ich habe die Vorkommnisse vom Wochenende wie immer im PC-Programm eingegeben, für die jenigen, die nicht da waren. Ansonsten suchen wir zwei Radfahrer, die sich nachts in der Nähe des Lokals Da Angelo aufgehalten und etwas gesehen haben könnten."
Kammeier räusperte sich und sagte zu Engelhardt:
"Klaus, gute Arbeit gemacht. Prima. Du gehst jetzt mal nach Hause und schläfst Dich aus. Mittwoch morgen sehen wir uns wieder."
Charly Kammeier schenkte ihm sein freundschaftliches Lächeln und berührte ihn kurz am Arm.
Als Kammeier aufstand, beobachtete er draußen auf dem Fenstersims einen kleinen Spatzen, der dort frech saß und ihn ansah. Vielleicht wartete er auf Brot.
Charly Kammeier dachte, der macht Hoffnung. Laut sagte er:
Vanderbelt, Sie geben eine Pressemitteilung raus, dass wir diese beiden Fahrradfahrer als Zeugen suchen. An die Arbeit meine Damen und Herren, die 150 Spuren wollen bearbeitet werden. Gut, dann beenden wir jetzt die Sitzung. Ich danke."
Klaus Engelhardt grüßte und ging nach Hause. Es dauerte eine Weile, bis Simone Schwarzkopf und Charly Kammeier im Raum alleine waren. Simone meinte:
"Ich komme mir vor wie in einem schlechten Mafia-Krimi."
"Oh", meinte Charly Kammeier, "dafür geht`s uns aber noch verdammt gut.
"Wenn ich mir Klaus Engelhardt anschaue, ist das für ihn zur Zeit ein ganz schlechter Krimi", meinte sie mitfühlend.
Kommissar Kammeier fand, dass er ein gutes Wochenende gehabt hatte. Gut das Essen im Lloyds war nicht überragend gewesen. Nächstes Mal würde man vielleicht mal das Restaurant im Boardinghouse ausprobieren. Aber das meinte Simone ja auch gar nicht. Ihm war klar, dass sie mit schlechtem Krimi meinte, dass sie überhaupt nicht vorankamen. Sie wurden von den italienischen Kollegen mit Informationen über die Mafia erschlagen, aber sie hatten nicht eine heiße Spur. Das hatten sie hinzunehmen, auch ihre Machtlosigkeit. Sie würden Informationen sammeln, allen Spuren nachgehen und sich weiter jeden Morgen treffen. Ansonsten hielt es Kommissar Kammeier mit dem 1. Boogelschen Gesetz, das da hieß: Es geht alles ganz von selbst. Es hatte keinen Sinn, sich unter Druck zu setzen.
Kammeier war sich sicher, sie würden auch diesen Fall lösen.
Den Rest des Tages waren sie gemeinsam mit den anderen Kollegen dabei den Hinweisen und Spuren nach zu gehen. Das Büro Kammeier war wie ein Taubenschlag. Ständig gingen die Telefone.
Gegen 11 Uhr saß Kommissar Charly Kammeier auf seinem Stuhl und war scheinbar eingenickt. Schwarzkopf schwieg und lächelte. Zehn Minuten lang saß Kammeier da wie ein Japaner in der U-Bahn. Ein kurzes entspannendes Nickerchen.
Danach stand Kammeier auf und sah aus dem Fenster, und siehe da der kleine Spatz saß wieder vor seinem Fenster und schaute ihn neugierig an. Ihm fiel etwas ein.
"Klaus Engelhardt hat sich von Anfang um die Presse gekümmert. Der hat jetzt zwei Tage frei. Ich möchte, dass Du die tägliche Pressekonferenz leitest. Wenn einer anruft oder vor der Tür steht, sag ihm sie sollen um 14 Uhr wiederkommen. Ich werde auch dabei sein. Bisher berichtet die Presse noch ganz wohlwollend. Wir müssen aufpassen, dass diese Stimmung nicht umkippt. Wir müssen die Zusammenarbeit mit der Presse, ob hier aus Fischtown oder überregional, gut organisieren und einen guten Service machen, sonst haben wir bald ein Problem. Ich glaube, Du schaffst das mit Deinem Charme. Klaus soll weiter die Backgroundarbeit machen. Ich gehe jetzt mal eben für eine halbe Stunde zum Chef, der hatte eben angerufen. Er will auf dem Laufenden gehalten werden. Der Staatsanwalt wird auch dort sein."
Während der Kommissar den Flur entlang ging, musste er an seinen Traum von letzter Nacht denken. Sie hatten endlich eine heiße Spur. Kollegen aus Holland hatten angerufen. Man hatte zwei Italiener aus Duisburg in einer kleinen Pension in Groningen beobachtet, die in Frage kamen. Das Fahndungsfoto passte auf den einen. Bei einer heimlichen Zimmerdurchsuchung hatte man italienische Reisepässe gefunden. Auch automatische Waffen hatten die beiden dabei. Nun sollten die deutschen Kollegen Kammeier, Engelhardt und Schwarzkopf kommen und vor Ort entscheiden. Als Kammeier mit seinem neuen 7er BMW vor Ort eintraf, stand der ganze Ort voller Blumen. Es roch nach Haschisch. Kammeier litt unter einer merkwürdigen Lähmung der Beine. Simone Schwarzkopf war dabei, mit den Hotelier Sex zu haben und Engelhardt war spurlos verschwunden. Mutterseelen alleine stand Kammeier mitten auf dem Marktplatz und konnte nicht gehen. Seine Beine waren tonnenschwer. In diesem Augenblick ging einer der Mafiosis an ihm vorbei und sah ihn an. Kammeier hatte das Gefühl, das er den Mafiosie kannte. Und dann sagte der Mafiosi zu ihm: Und machen Sie mir keine Schande Kammeier. Die Sache hat absolute Priorität.
Kammeier hatte das Gefühl, das er den Italiener kannte. Er wollte gerade sagen: Ich verhafte Sie im Namen des Volkes, als ihm klar wurde, dass der Mafiosi sein Chef war. Seine Beine versagten ihm den Dienst. Er wollte etwas sagen, aber sein Mund war trocken.
Er wollte Simone um Hilfe bitten, aber.. nächstes Bild, die hatte gerade Sex mit dem Mafiosi. Alle hatten ihn verraten...
Gott, dachte Kammeier, was für ein Scheißtraum.
Als Kommissar Kammeier das Zimmer seines Chefs betrat, fiel ihm nach vielen Jahren zum ersten Mal auf, dass der Leitende Kriminaldirektor viele Ähnlichkeiten mit...Gott, dachte er, nicht das.

Die Boogelschen Gesetze
Als Charly Kammeier am Morgen des 21. August aufstand, schimpfte er. Sein Rücken tat ihm weh und draußen war es noch dunkel. Er sah auf das Außenthermometer: 15,6°C. Kammeier spürte seine Schulterverspannungen, obwohl er am Vortag abends noch im Wald gelaufen war. Er fluchte, weil sie mit diesem verdammten Mafiafall einfach nicht weiter kamen. Sein Chef hatte am Vortag schon Druck gemacht. Seine Mordkommission arbeitete auf Hochtouren, aber es gab immer noch keine heiße Spur. Kommissar Kammeier saß am Computer und trank einen Becher heißen Kaffee, Gott, dachte er, es ist noch so früh. Es war 5.20 Uhr. Kammeier hatte gut geschlafen. Funny hatte sich auch schon beschwert, warum denn dieser Mord unbedingt in Lehe passieren mußte. Ja, das fragte er sich auch. Aber hatte er das entschieden? Funny hatte zurecht Angst um das Ansehen des Stadtteils.
Während Kammeier seinen Kaffee trank, dachte er daran, dass er sich bei seinen Eltern nicht mehr gemeldet hatte. Guten Morgen liebe Sorgen dachte er. Lieber Gott mach, dass wir heute endlich eine brauchbare Spur finden. Mir gehen diese Sitzungen der Mordkommission auf den Senkel. Ich will raus in den Außendienst und was tun. Wieder fiel ihm die Akte aus der senatorischen Behörde ein, die seit einer Woche verschwunden und die er immer noch nicht gelesen hatte.
An diesem Tag regnete es den ganzen Tag in Fischtown. Kommissar Kammeier verfolgte die Spuren Nr.21-32, machte einen Hausbesuch bei einem Pärchen im 1. Stock gegenüber der Pizzeria La Angelo und interviewte eine Frau, die in der Tatnacht etwas gesehen haben wollte. Der Lebensgefährte lag auf dem Bett. In der ganzen Wohnung roch es unangenehm nach Schweiß. Der Lebensgefährte hatte sich seit Tagen nicht gewaschen und unter sich gemacht. Die Zeugin war sehr aufgeregt, sie sei herzkrank meinte sie. Tatsächlich aber kam bei dieser Spur nichts Neues dabei heraus.
Als Kommissar Charly wieder in seinem Büro auftauchte, berichtet ihm Simone Schwarzkopf:
"Wir haben jetzt das Video vorliegen. Man kann in der einen Sequenz zwei junge Männer sehen, die auf der gleichen Straßenseite wie die Pizzeria vor einem Schaufenster stehen. Erkennen kann man sie nicht. Das Bildmaterial ist zu schlecht."
Nachdem der Kommissar das Video gesehen hatte, ordnete er an, das Video zu veröffentlichen.
Schwarzkopf sagte zu Kammeier:
"Wir haben jetzt 250 Hinweise. Und die Auswertung der Spuren hat ergeben, dass wir es mindestens mit zwei Tätern zu tun haben."
"Das ist schön, macht nur noch mehr Arbeit." Mit einem breiten Grinsen verließ er das Stadthaus. Zuhause angekommen, überfiel ihn Maria mit dem Satz:
"Ich habe einen Riesenhunger. Lass uns zum Italiener fahren und etwas Schönes essen."
Kommissar Kammeier hatte bisher leidenschaftlich gerne Nudelgerichte bei ihrem Lieblings-Italiener Ernesto 2 gegessen, aber zur Zeit war ihm nicht nach italienisch. Charly legte sich auf die Couch und machte 10 Minuten Inemuri.
Es herrschte schon lange Dunkelheit als sich Charly Kammeier an ein Buch erinnerte, dass er vor langer Zeit gelesen hatte. Darin hatte der Autor die Boogelschen Gesetze zusammengefasst und Kammeier fragte sich: wie lautete das 2. Boogelsche Gesetz? Er kam nicht drauf. Charly konnte sich auch nicht mehr an den Autor erinnern. Noch als Kammeier im Bett lag beschäftigte ihn der Gedanke. Er überlegte:
Je weniger Gedanke ich mir mache, umso besser gehts mir? Nein, so hieß das Gesetz nicht. Je weniger ich plane und kontrolliere um besser gehts mir? Es ging diesem unbekannten Autor darum deutlich zu machen, dass das Leben im Augenblick, in der Stunde jetzt alles, fast alles entscheidet. War es das gewesen?
Maria saß nach 22 Uhr in ihrem Zimmer und las. Sie hatte eine CD von Keith Jarett Blue Note Nr. 3 aufgelegt. Charly Kammeier liebte ebenso wie Maria Jazz und Musik von Keith Jarett. Hundert Male hatte er früher das Kölner Konzert von Jarett gehört. Charly Kammeier war wieder der Autor dieser Gesetze eingefallen. Das zweite Boogelsche Gesetz lautete: Achte auf Deine Körpersignale. Manchmal muss man sich auf ein vages Gefühl verlassen. Der Auto James Riven Boogel hatte hier ein wenig bei Carl Rogers geklaut, aber das konnte Kammeier dem Autor verzeihen.

Gagga
Am Morgen des 22. August schien die Sonne und Kommissar Kammeier hatte viel zu tun. In den Fischtown-News musste er lesen, dass die Werft SSW Shipyards ehemals Seebeckwerft, eine Mittelsektion für ein Kreuzfahrtschiff baute. SSW wollte aber nicht verraten für wen. In einer überregionalen Zeitung erschien ein Interview mit dem italienischen Chefermittler gegen die kalabrische Mafia, Salvo Boemi, der erklärte, die Italiener hätten schon seit Jahren in Fischtown ermittelt. Einige der Ermordeten konnte der Ermittler als bedeutende Persönlichkeiten im Strukturgefüge der Mafia identifizieren. Die Tat sei eine Machtdemonstration der Mafia gewesen mit der Aussage, seht her wir sind da.
Simone Schwarzkopf meinte im Gespräch:
"Wir haben jetzt fast 300 Spuren. Aber was die Aussage des Herrn Boemi betrifft, sehe ich das anders. Ich glaube an einen Bandenkrieg, und dass da Stümper am Werk waren, die die Geschäfte der Mafia stören."
"Tja", meinte Kammeier, "mich deprimiert nicht nur, dass wir keine Erfolge vorweisen können, sondern auch das Wetter der letzten Zeit. Ich wünsche mir einfach nur ein paar schöne, warme Sommertage. Aber der Sommer ist wohl bald vorbei."
Simone Schwarzkopf meinte nachdenklich:
"Ich tippe auch darauf, dass wir die beiden flüchtigen Killer eines Tages in Holland schnappen werden."

Inemuri 2
Zugegeben der Morgen des 23. August war stressig gewesen. Kommissar Kammeier hatte gegen 10 Uhr eine Bank in der Bürger besucht, um dort eine Bankerin nach ihrem Wissen über Luigi Gondola zu befragen. Gegen Mittag war er dann bei hellstem Sonnenschein zusammen mit Simone Schwarzkopf zum Geestemünder Friedhof gewesen, um an der Beerdigung zweier Opfer der Bluttat in der Hafenstraße teilzunehmen. Sie hatten gehofft neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Gegen 16.30 Uhr holte Charly Kammeier seine Frau in der Firma ab. Wieder Zuhause legte er sich 10 Minuten lang und machte Inemuri, danach startete er zum Laufen in den Park durch.
Charly Kammeier genoss das wundervolle Wetter im Park. Tja, dachte er, ein guter Tag, aber wir haben immer noch keine heiße Spur.
Wieder Zuhause schlug Kammeier die Fischtown-News auf und musste mit Freude lesen, dass die SSW Shipyard ihren Neubau Nr. 2028, ein 152 Meter langes Containerschiff, zur Probefahrt in die Nordsee geschickt hatte. Das Schiff mit dem Namen "Anne Sibum" bedeutete für SSW die Rückkehr in den Schiffsneubau.
Für Charly Kammeier bedeutete das Schiff, dass in Fischtown immer noch Schiffe gebaut wurden. Fischtown, die Hafenstadt und der Werftenstandort. Der Abend verlief ruhig. Seine Frau Maria telefonierte mit ihrer Schwester, und Kammeier saß still und ruhig auf dem Balkon und stellte fest, dass es kurz vor 20 Uhr immer noch 23,3°C waren. Gegenüber kläffte der kleine Hund, weil die junge Frau sich nicht um ihn kümmerte, sie telefonierte lieber mit ihrem Handy.
Während Charly Kammeier auf dem Balkon saß und sich entspannte, lief noch einmal der Tag vor seinen Augen ab und sein schlechtes Gewissen meldete sich. Er hatte bereits vor einer knappen Woche seiner Mutter versprochen vorbeizukommen. Sie würde wohl nicht verstehen, dass er soviel zu tun hatte und abends einfach nur noch kaputt war. Am frühen Morgen gegen 6.45 Uhr hatte sein Handy geklingelt und seine Schwiegermutter Mia war dran gewesen. Im Befehlston teilte sie ihm mit, dass am Samstag in Sheldon grüne Bohnen einzumachen wären. Kammeier vermisste das Wort Bitte und sagte nur genauso sachlich, er würde es an seine Frau Maria weitergeben.

Razzia
Am Morgen des 24. August hatte Kammeier einen anonymen Anruf erhalten. Der Anrufer gab sich als Familienangehöriger von Angelo Brani aus und sagte:
"Ich weiß, dass die 6 jungen Männer nicht von der gegnerischen Familie getötet wurden, sondern von meiner eigenen Familie. Die Männer starben, weil Restauranchef Angelo Brani mehr Einfluss in seinem Clan wollte. Da ließ ihn seine eigene Familie ihn töten."
"Wieso kommen Sie denn darauf?" meinte Kammeier und der anonyme Anrufer sagte:
"Über das Lokal Da Angelo wurde viel Geld gewaschen. Als Gegenleistung wollte Angelo mehr Kontrolle über andere Restaurants in Fischtown. Das war sein Todesurteil. Die Familie fand ihn zu gierig."
Während Kommissar noch über die Folgen nachdachte, hatte der Anrufer schon aufgelegt.
Simone Schwarzkopf hatte das Telefonat mitgehört und meinte:
"Ist das nicht etwas hergeholt, oder wollen sie uns aufs falsche Pferd setzen?"
Kammeier machte sich wie immer einen Vermerk im Computer.
Eine Stunde später wurde eine Sitzung der Mordkommission einberufen. Der Leitende Kriminaldirektor, der Mitarbeiter des BKA und der Chef der Mordkommission gaben den Stand der Ermittlungen bekannt. Danach wurde die Entscheidung getroffen, in einer großangelegten Razzia in mehreren Bundesländern Wohnungen zu durchsuchen. An einigen Orten waren auch SEK-Einheiten im Einsatz. In Loxstedt mußte die Tür einer Pizzeria mit einer Ramme geöffnet werden, woraufhin Vermummte das Lokal stürmten. Wie die Polizei von Anwohnern erfuhr, hatten sich die Besitzer schon vor der Razzia nach Italien abgesetzt.
Kommissar Kammeier selbst nahm nicht an den Razzien teil, er saß im Büro und koordinierte weiter die ganze Aktion. Simone Schwarzkopf kümmerte sich um die Auswertung der bisher vorliegenden 400 Hinweise.
Es war ein heller und sonniger Tag in Fischtown und Kommissar Kammeier war aufgeregt, er sagte zu seiner Kollgin Simone:
"Mensch, endlich tut sich mal nach einer Woche etwas. Man wurde ja schon ganz rammdösig. Bin gespannt, ob die Kolleginnen und Kollegen etwas finden. Engelhardt hat eben von unterwegs angerufen, sie halten einige Leute fest, um sie zu verhören."
Am 24. August musste Kammeier erfahren, dass von Fischtown zukünftig keine Touristen mehr mit dem Schiff nach Helgoland würden fahren können. Schade, dachte der Komissar. Obwohl, ihm war immer nur schlecht gewesen auf dem Weg zum Fuselfelsen. Das letzte Mal war er so seekrank gewesen, dass er immer gedacht hatte: wo ist die nächste Busstation zum Aussteigen?
Auch abends gegen kurz vor 20 Uhr saßen die Kommissare Engelhardt, Schwarzkopf und Kammeier noch im Büro. Sie waren dabei, die Ergebnisse der Wohnungsdurchsuchungen auszuwerten. Insgesamt 420 Hinweise waren zwischenzeitlich aus der Bevölkerung eingegangen. Mit insgesamt 120 Mann waren sie dabei, den Hinweisen nachzugehen.
Simone Schwarzkopf sagte:
"Nun, wir wissen, dass wir mit diesen Durchsuchungen der Pizzierien und Wohnungen nicht die Täter finden, sondern versuchen Material aus dem Umfeld der Opferfamilien zu finden. Aber immerhin macht es in der Öffentlichkeit einen guten Eindruck. Die Polizei tut etwas."
Engelhardt meinte:
"Ich habe mich heute Nachmittag mit den beiden italienischen Kollegen Banani und Ferrano unterhalten. Sie haben mir erzählt, dass das Thema Mafia zur Zeit in Italien ein heißes Thema ist. Die Mafia bekommt Druck aus der Öffentlichkeit, es gibt Widerstand, aber man merkt auch zum Beispiel in Rossario, dass keiner den Mund aufmacht, wenn die Presse kommt. Sie haben alle Angst."
"Morgen soll ein Buch über die Mafia auf dem Markt kommen mit dem Titel Gomorrha. Passt irgendwie", meinte Kammeier.
"Tja, Kollegen, ich hoffe, Ihr habt Eure Betten oder Luftmatratzen mitgebracht, denn dieses Wochenende werden wir wohl durcharbeiten müssen. Ich habe schon Zuhause bei Maria angerufen. Ich habe den Bereitschaftsraum vorbereiten lassen, dass sich immer mal der eine oder andere eine paar Stunden hinlegen und schlafen kann", meinte Kommissar Kammeier. Er sah aus dem Fenster. Die Sonne war bereits untergegangen. Es war aber noch hell. Auf dem Fensterbrett draußen saß wieder ein kleiner Spatz und schaute ihn neugierig an. Ob es sein kleiner Freund von neulich war?
Kammeier sah auf seine amerikanische Armee-Uhr und stellte fest, es war genau 20 Uhr. Zeit für die Tagesschau.
Gegen 21 Uhr betrat der neue dynamische Kollegin, Jens Vanderbelt, das Büro. Nach einem verlegenen Lächeln zu Simone meinte er:
"Gestern Nachmittag waren die Kollegen noch einmal am Tatort sowie in der angrenzenden Straße. Hier wurden - im so genannten "Rollei-Metric-Verfahren" - mit Unterstützung eines Hubschraubers 3D-Foto-Aufnahmen gemacht. Damit können u. a. die Körpergröße der Täter anhand von Überwachungsfotos bestimmt sowie Geschossbahnen und Schützenstandorte rekonstruiert werden."
Charly Kammeier grinste und meinte dann freundlich anerkennend:
"Kollege Vanderbelt, Sie beeindrucken mich. Halten Sie uns bitte auf dem Laufenden."
Gegen 22 Uhr kam Klaus Engelhardt von seinen Recherche im Internet zurück. Stolz sagte er:
"Ich habe einen interessanten, streitbaren Artikel im Neuen Deutschland zu unserem Thema gefunden.
Wenige Tage vor dem Mord in Fischtown hatten die kalabresischen Carabinieri ein dickes Dossier über die Zuspitzung der Fehde zusammengestellt. 70 Namen von wichtigen Neovera-Leuten sind dort – als mögliche Auftraggeber und potenzielle Opfer – erwähnt, außerdem mehrere Dutzend sogenannter Soldaten: das Personal für die Killerkommandos. Unter den 70 Personen soll sich auch der Name Antonio Longio, eines der Opfer von Duisburg, befinden. Ihn verdächtigt die Polizei, die Waffen für den einstigen »Weihnachtsmord« an Gina Brani, der Frau des Bosses Giorgioni Brani, besorgt zu haben. Doch mittlerweile vermuten die Carabinieri, dass Longio nicht nur aus Rachegründen ermordet, sondern präventiv beseitigt worden sein könnte. Es gibt nämlich Hinweise, dass Longio in Deutschland auf Einkaufstour für weitere Waffen war. Sollten sich diese Hinweise bestätigen, ist die Mär vom »Rückzugs- und Ruheraum« Deutschland dahin. Vielmehr wäre es damit wohl zum offenen Operationsgebiet avanciert."
Der Autor schreibt weiter an anderer Stelle:
"Von seinem derzeit geheimen Wohnort aus beobachtet er auch die Vorgänge in seiner einstigen ökonomischen Heimat Deutschland. »Es ist alarmierend, was dort passiert. Die Neovera glaubt offensichtlich, sich alles herausnehmen zu können, was sie will.« Masciaris Ferndiagnose wird von bisherigen Ermittlungsergebnissen erhärtet. Bis zu zehn Personen sollen in Fischtown in der Nacht zum 15. August in unmittelbarer Nähe der Pizzeria »Da Angelo« gewesen sein, darunter auch einige hochgestellte Familienmitglieder des Brani-Clans. Sie wollten sich, so lautet eine Hypothese, vom Gelingen der Aktion überzeugen. Über das Ausmaß der Verbreitung der Neovera in Deutschland gibt es bislang nur wenige handfeste Fakten. "
Klaus Engelhardt sah auf die Uhr. Es war 22.10 Uhr. Er gähnte und fühlte eine gewisse Schwere.
Am nächsten Morgen kurz nach 6 Uhr kam der Bericht des BKA. Engelhardt brachte ihn aus dem Faxgerät mit und sagte zu Kammeier:
"Wir haben den ballistischen Untersuchungsbericht des Bundeskriminalamts gerade bekommen. Danach ist in der Nacht vom 14. auf den 15. August aus zwei Waffen geschossen worden."
Charly Kammeier sah müde aus. Er hatte sich zwischendurch etwas hinlegen können, aber im Prinzip war er müde. Nur der Kaffee hatte ihn wachgehalten.
"Gut, das bestätigt, was wir der kurzen Videosequenz entnommen haben. Zwei junge Männer, die das Gelände der Tankstelle überqueren und dabei die Arme angewinkelt halten, als würden sie Waffen tragen. Und demnächst werden wir hoffentlich auch wissen, wie groß die beiden sind."
Draußen wurde es schon hell. Charly Kammeier dachte nach und sagte zu Simone:
"Ich glaube, wir können den Rest des Wochenendes auf Dich verzichten. Fahr nach Hause und schlaf Dich aus. Grüß Deinen Freund von mir."
Simones Stimmung machte einen Satz nach oben und schelmisch und ironisch sagte sie:
"Mein Freund reagiert immer so eifersüchtig, wenn ich Deinen Namen erwähne. Ich glaube, das lasse ich mal." Sie stand auf und verließ lächelnd den Raum und fuhr nach Hause.
Kammeier erinnerte sich daran, dass er am Samstag morgen eigentlich hatte Getränke einkaufen wollen, er hatte seine Eltern dringend besuchen wollen und mit ihnen den Antrag auf Pflegeversicherung fertig machen wollen, aber... nun saß er hier fest. Und Charly Kammeier erinnerte sich mit gemischten Gefühlen daran, dass Maria und er bei Schwiegermutter in Sheldon zum grüne Bohnen schnibbeln am Nachmittag eingeplant waren.
Klaus Engelhardt schien die Gedanken seines langjährigen Kollegen erraten zu haben, als er sagte:
"Hör zu Charly, von mir aus kannst Du auch nach Hause fahren und Dich hinlegen. Es wird ruhig bleiben an diesem Wochenende. Sven Vanderbilt und die beiden neuen Kollegen sind ja auch noch hier. Und wenn was ist, ruf ich Dich sofort an."
Charly Kammeier hatte ein schlechtes Gewissen, dass er sich schon wieder am Wochenende verpieseln wollte. Laut sagte er:
"Gut, aber nur, wenn Du dafür Montag und Dienstag frei machst."
Erleichterung machte sich in Kammeier breit. Er berührte seinen Kollegen freundschaftlich am Arm und dankte. Charly Kammeier ging am Samstag morgen gegen 6.30 Uhr zum Auto und fuhr nach Hause. In seinem 7er BMW angekommen, drehte er das Autoradio auf und hörte ein schönes Lied auf Fischtown1. "What a wonderful world", er kannte die Gruppe nicht.

Der Zeuge
Während Kammeier Zuhause in einen bleiernen Schlamm fiel und davon träumte, wie zwei junge Männer mit automatischen Waffen sechs Insassen zweier Auto brutal erschossen und danach zur Sicherheit mit Kopfschüssen nachhalfen.
Um 22.07 Uhr bekam Klaus Engelhardt im Büro einen Anruf von einem jungen Mann, der sich Michael M. nannte. Er gab an, Mechaniker von Beruf zu sein. Klaus Engelhardt notierte das Telefonat in einem Aktenvermerk und schickte diesen per Email an seinen Chef Charly Kammeier nach Hause:
Mechaniker Michael M. (32) kam nachts mit drei Kollegen im Auto an der Pizzeria La Longio vorbei. "Es war kurz nach halb zwei morgens. Wir hielten kurz. Ein Kollege wohnt in der Nähe, wollte da aussteigen. Mir fielen sofort die laute Musik und die helle Beleuchtung im Restaurant auf. Sonst ist da nämlich um die Zeit schon geschlossen. Ich sah zwei Männer vor dem Lokal. Sie waren dunkel gekleidet, einer schaute gerade durchs Fenster in die Pizzeria. Als wir hielten, gingen sie ein Stück weg, in den Schatten der Hauswand. Ich dachte noch: Komisch, wollen die jemanden abholen? Was machen die da? Erst am nächsten Morgen habe ich erfahren, was passiert ist. Da lief es mir eiskalt den Rücken runter."
Die Gesichter der beiden Männer hat er nicht gekannt.
"Ich weiß nur, dass sie dunkel gekleidet waren, mit Jeans. Der eine trug auch eine Jeansjacke, der andere einen Blouson. Einer hatte eine dunkle Kappe auf. Sie waren ca. 1,80 Meter groß."
Kommissar Charly saß mit seiner Frau Maria Zuhause und hörte im Wohnzimmer seine Lieblings-CD von Miles Davis "Seven Steps to heaven."
Er fragte sich, warum sich der Zeuge erst 12 Tage später meldete.

Glam & love
Der 26. August war ein sonniger Tag in Fischtown gewesen und Kommissar Kammeier hatte frei gehabt. Am Morgen musste er zusammen mit seiner Frau Hausputz und Treppenwoche erledigen. Mittags gingen sie bei einem Italiener essen, und Kammeier fragte sich, wo der Besitzer und sein Lieblingskellner geblieben waren. In der Küche sah er zwei neue Köche und auch den jungen Kellner hatte er nie noch gesehen. Hatte die Mafia doch wieder ihre Killer hier geparkt? Am Abend fuhren sie mit dem Auto durch den Hafen und mussten überrascht feststellen, dass man an der Kaiserschleuse bereits gerammt hatte. Scheinbar entstand hier ein neuer Deich.
Nach dem Fernsehprogramm legte Maria die CD von Princ Alec "Glam & Love" auf und Kammeier musste wieder an seinen ungelösten Fall denken. Nach einer Mail von Engelhardt gab es jetzt 470 Hinweise aus der Bevölkerung. Vieles was die Polizei wusste, gab sie nicht an die Öffentlichkeit weiter. Es hatte zwei Verhaftungen gegeben, die sie unter dem Tisch hielten.
Und inzwischen wusste er auch, was in dem Geheimdossier aus dem Ministerium stand. Es waren Informationen aus Italien gewesen bezüglich der Pizzeria und dem gesuchten Antonio Longio. Naja, dachte Kammeier, es hätte auch nichts genützt, wenn ich es einen Tag vorher gelesen hätte. Aber die Zusammenarbeit mit den Italienern hatte nicht geklappt.
Wenn die Presse dahinter kam...
Ihm war klar, dass sie viele Dinge unter dem Tisch hielten, die sie wußten. Aus ermittlungstaktsichen Gründen, wie sie das nannten.
Für die nächsten Tage hatten die Meteorologen kühleres Wetter angesagt. Ob das am Montag helfen würde, in dem Fall mit den sechs Ermordeten vor der Pizzeria weiter zu kommen? Er hatte seine Zweifel. Sie hatten immer noch keine heiße Spur. Mein Gott, dachte Kommissar Kammeier, wir haben 120 Leute im Einsatz, wir werden von BKA, LKA, Interpol und den Italienern unterstützt... trotzdem, wir brauchen mehr Glück.
Der Kollege Engelhardt hatte einen Anruf von einem Buchhändler bekommen, der meinte, er wisse, wer von dem Mord an den 6 Italienern profitiere. Roberto Saviano, der Mann, der das Buch über die Mafia geschrieben habe. Der Zeitpunkt sei verdächtig, der Mann sei abgetaucht. Und er kenne sich aus. 10 Tage vor dem Erscheinen seines Buches über die Mafia lasse er medienwirksam 6 Mafiosi umbringen. Eine bessere Werbung könne man sich gar nicht vorstellen. Zugegeben, an so etwas hatte er auch schon gedacht, und musste lächeln. Maria saß im Esszimmer und las in dem Buch von Arne Dahl, Tiefer Schmerz. Es störte sie nicht, wenn dabei Prince Alec rockte.

Seven steps to heaven
Kommissar Kammeier und seine Mordkommission kamen nicht voran. Am Abend des 28. August saß Charly Kammeier vor dem PC und surfte im Internet und hatte einen interessanten Artikel über sein Studienobjekt gefunden. Er las:
Die italienische Mafia globalisiert und diversifiziert: Diverse Organisationen teilen sich die Geschäftsfelder international auf, in Österreich ist sie weniger tätig
Italien kommt auch im Sommer 2007 nicht zu Ruhe. Mafia-Gräueltaten machen Schlagzeilen. Das organisierte Verbrechen soll für die Waldbrände in Süditalien verantwortlich sein. Die Neovera hat Mitte des Monats in Fischtown blutig zugeschlagen. Deutschland, insbesondere der ehemalige Osten, zählt zu den wichtigsten Investitionsstandorten der organisierten Kriminalität. Das Operationsgebiet der italienischen Mafia beschränkt sich seit langem nicht mehr auf Italien. Seit jeher reichte der florierende Drogenhandel bis nach Südamerika, die Verbindungen der Cosa Nostra bis nach Nordamerika.
Gefälschte Markenwaren
Hinzu kommt das blühende Geschäft mit gefälschten Markenwaren, das eine neue Verbindung zu Asien herstellt. Die Camorra kontrolliert den Hafen von Neapel, den größten Umschlagplatz für Raubkopien. Hier werden nicht nur die berüchtigten chinesischen Spielwaren, sondern auch Autozubehör und Schuhe, Markenkleidung und Accessoires importiert und weitervertrieben. Das Geschäft floriert, der Umsatz mit den Raubkopien wird bis auf 15 Mrd. Euro geschätzt. Der Umsatz der Mafia wird von den Behörden auf rund 100 Mrd. Euro geschätzt. Das ist mehr als die Börsenkapitalisierung des größten italienischen Unternehmens, des Erdölmultis Eni. Investiert werden diese Summen nicht im wirtschaftlich schwachen Süditalien, sondern im reichen Norden und im Ausland. Vor allem die klassischen Emigrationsländer der Italiener, Australien und die USA, auch Deutschland, die Schweiz, Belgien und Frankreich, sind beliebte Investitionsstandorte. Österreich zähle nicht zu den Favoriten, sagt Leoluco Orlando, Mafia-Jäger, Ex-Bürgermeister von Palermo und Abgeordneter in Rom zum Standard. In Österreich sind Schlepper- oder Drogenhandelsorganisationen mit osteuropäischem Hintergrund tätig.
Abgestimmte "Geschäftsgebiete"
Die italienischen Verbrecherorganisationen haben ihre "Geschäftsgebiete" untereinander abgestimmt. Während Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Bauaufträge weiterhin die Domäne der sizilianischen Cosa Nostra sind, hat sich die Camorra aus Neapel auf Produktpiraterie und illegale Müllentsorgung spezialisiert. Den größten Aufschwung nahm die Neovera aus Kalabrien. Sie hat einen geschätzten Umsatz von 35 Mrd. Euro. Grund für ihren Erfolg ist die schwer zu kontrollierende horizontale Struktur und ihre Spezialisierung. Im Rauschgifthandel dominiert sie das Kokaingeschäft. In der Bauwirtschaft weist sie wichtige Unternehmensbeteiligungen auf, bei der illegalen Einwanderung hat sie eine Vormachtstellung.
Als Kammeier auf seine Wanduhr schaute, stellte er fest, dass es schon 19.30 Uhr war. Draußen war es in den letzten Tagen abgeküht. Der Herbst kam näher. Sie gingen jetzt 470 Spuren nach, aber es gab immer noch keine heiße Spur. Manche Dinge konnten sie aus ermittlungstaktischen Gründen nicht veröffentlichen.
Funny hatte ihm eine Mail geschickt über die er sich sehr gefreut hatte. Sie waren öfters verschiedener Meinung, aber in letzter Zeit klappte es besser, sich deshalb nicht gleich in die Wolle zu kriegen. Auch ein Erfolg.
Es war schon nach 22 Uhr, als sie sich einig waren eine CD von Miles Davis aufzulegen: seven steps to heaven. Kammeiers Lieblings-Jazz-CD. Kommissar Kammeier hatte eine Mordslust den Fall aufzuklären, aber er war machtlos.

Paukenschlag
Es regnete den ganzen Tag am 30. August. Am Tag vorher hatte die Fischtown Dockgesellschaft Besuch von zwei ehemaligen Fischtrawlern bekommen. Die in den USA gebauten Trawler "Naeraberg" und "Haether Sea" sollten in den kommenden zwei Monaten zu Positionierungschiffen umgebaut werden, die später beim Verlegen der deutsch-russischen Gaspipeline zum Einsatz kommen sollten.
Der Morgen verging nieselig und raschelig, bis Kommissar Kammeier im Auto ein Anruf seines italienischen Kollegen Banani erreichte. Etwas aufgeregt meinte der:
"Nach den Mafia-Morden in Fischtown hat die italienische Polizei zu einem großen Schlag gegen die kalabrische Organisation Neovera ausgeholt. Hunderte Beamte suchen in Rossario nach 40 mutmaßlichen Mafiosi, gegen die Haftbefehl erlassen wurde. Bei der Aktion wurde unter anderem nach den Brüdern zweier Fischtown Opfer gefahndet. Außerdem sollen die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Gina Brani gefasst worden sein. Polizei und Carabinieri umstellten am frühen Morgen die 4200-Seelen-Gemeinde, um mögliche Fluchtversuche zu vereiteln. Hubschrauber kontrollierten die Operation aus der Luft. Drei mutmaßliche Clan-Mitglieder wurden in einem Bunker entdeckt, der unter einem Wohnhaus mitten im Zentrum des Dorfes eingerichtet worden war.
Na, Kollege Charly, ist das nicht etwas? Endlich passiert etwas."
Kammeier hätte am liebsten laut geschrien: juhu.
Aber er wußte davon schon vorher, weil seine Frau Maria ihm eine Nachricht aus der Bild-online auf die Mailbox gesprochen hatte.
"Ja, das ist Klasse, Bruno. Gibt es auch Verhaftungen? Hat man jemand von den Verdächtigen von Duisburg geschnappt?"
Banani weiter:
"Es gab Verhaftungen, aber von den Verdächtigen von Fischtown ist wohl bisher keiner dabei."
Laut einem Anruf aus dem Büro waren in Rossario 32 Gesuchte festgenommen worden.
Naja, dachte Kameier, es machte auf jeden Fall Druck.
Gegen 16 Uhr traf Kammeier wieder im Büro ein. Es regnete jetzt Bindfäden. Simone Schwarzkopf hatte Apfelkuchen und Schlagsahne mitgebracht. Der Kaffee stand bereit. Sie setzten sich gemütlich um den kleinen Tisch in der Ecke zusammen. Klaus Engelhardt meinte nach einer Weile des einvernehmlichen Schweigens:
"Es ist schön inmitten des Trubels auch mal zusammen zu sitzen und ein Stück Kuchen zu essen. Ich habe Neuigkeiten. Die Razzia in der vergangenen Woche hat doch noch Ergebnisse gezeigt. Die KTA geht davon aus, dass die Wohnungen kurz vorher verlassen worden sind. Es standen halb gefüllte Gläser und Flaschen auf den Tischen. Unsere Ermittlungen und Befragungen habe ergeben, dass am Abend des 14. August nicht der 18. Geburtstag von Luigi Gondola gefeiert wurde, sondern seine Aufnahme in die Neovera."
Kammeier meinte süffisant: "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Die Kollegen waren den Mördern ganz dicht auf der Spur."
Draußen regnete es weiter. Unaufhörlich. Gegen 17 Uhr machte Kommissar Charly Kammeier Feierabend. Kurzzeitig war es trocken geworden.
Als Charly Kammeier trotzdem auf den Balkon hinaustrat, hörte er den Wind pusten. Es waren richtige Böen. Der Wind hatte bereits die ersten Blätter von den Bäumen geholt. Und gegenüber auf den Bäumen wurden die Blätter zunehmend gelber. Es war der kühle Wind, der ihm das Gefühl vermittelte, dass der Herbst begonnen hatte. Das Außenthermometer zeigte nur noch 15,2°C an. Der Kommissar fühlte sich erschöpft und lustlos vom Tag. Ein tiefer gelegter roter VW Polo röhrte auf unangenehme Weise vorbei, als hätte er 12 Zylinder unter der Haube. Kammeier mochte sich nicht auf den nassen und kalten Stuhl setzen. Graue und dunkle Wolken zogen über den Himmel. Kammeier dachte darüber nach, dass er an diesem Tag wieder einmal zuviel gemacht und sich übernommen hatte. Sein Rücken tat ihm weh. Er fühlte sich wie ein ausgewrungener Waschlappen und war kaum noch ansprechbar. Auf seiner Stirn stand mit unsichtbarer Schrift geschrieben: lass mich in Ruhe. Sie hatten den Fall des 6fachen Mordes in der Hafenstraße zwar noch nicht gelöst, aber es gab zum ersten Mal eine konkrete Spur.
Nach den Nachrichten fand der Kommissar auf seinem Computer eine Mail seines Kollegen Klaus Engelhardt, der ihm aus dem Büro schrieb:
"Die italienische Polizei hat auch den Bruder von Antonio Longio, Achille Longio, verhaftet. Der Verhaftete hatte noch vor wenigen Tagen im Fernsehen behauptet, er schäme sich auf die Straße zu gehen.
Die Ermittler waren aber auch in anderen Regionen Süditaliens aktiv. Zwei weitere mutmaßliche Mafiosi wurden in Latina geschnappt - einer kleinen Stadt etwa 50 Kilometer südlich von Rom.
Eher außergewöhnlich: Unter den Verhafteten sind mindestens fünf Frauen, außerdem ein weiterer Bruder eines der Fischtowner Opfer, der Bruder des Restaurantbesitzers, und auch einer der Bosse der kalabrischen Mafia Neovera, Giovanni Brani. Er gilt als möglicher Hintermann des Massakers von Duisburg. Seine Frau war Weihnachten vergangenen Jahres ermordet worden. Die Rache für diesen Mord, so wird vermutet, könnte das Massaker von Fischtown ausgelöst haben. Den Verhafteten wird Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Mord und Waffenhandel vorgeworfen. "Die Aktion betraf beide Parteien, die sich in Rossario bekriegen", sagt Polizeieinsatzleiter Renato Jortese, "den Brani und den Cosenza-Clan. Von unseren Maßnahmen betroffen sind auch die bekannteren Personen dieser Familien, es geht auch um einige Morde, und um Waffenhandel, den die Mitglieder dieser Clans organisiert haben sollen.
So sollen bei der größten Anti-Mafia-Aktion der vergangenen Jahre unter anderem auch die Verantwortlichen für den Mord an Branis Frau geschnappt worden sein. Mehrere Hundert Polizisten und Carabinieri hatten das Dorf systematisch umstellt, aus der Luft überwacht und dabei auch geheime Verstecke entdeckt. "Wir haben auch nach unterirdischen Bunkern gesucht", sagt Carabinieri-Sprecher Antonio Giano. "In einem dieser Bunker hatten sich Verdächtige versteckt." Sie konnten ebenfalls verhaftet werden, nachdem Beamte mit Presslufthämmern in den Bunker eingedrungen waren.
Kritisch merkte Engelhardt an:
Mit dem Massaker von Fischtown hatte die Großrazzia wohl nur indirekt zu tun - vermutlich wollte der italienische Staat im als Neovera-Hochburg verschrienen Rossario auch ein bisschen Flagge zeigen. Da die italienischen Behörden nach eigenen Angaben mehrere Monate lang ermittelt haben, kann man sich aber zumindest fragen, warum der Zugriff erst jetzt geschah, und ob die Morde von Fischtown vielleicht hätten vermieden werden können. Von politischer Seite gab es dazu keine Aussage. Italiens Innenminister Amato sprach in einer ersten Stellungnahme von einer starken und notwendigen Antwort des Staates.
Nach dem Kommissar Kammeier die Email seines Kollegen gelesen hatte, musste er zuerst lachen. Dann verspürte er Ärger und Unverständnis.
Als Charly Kammeier endlich von seinem Medizinball aufstand, um den Rechner zu verlassen, war es schon nach 20 Uhr. Nach dem Fernsehen legte Maria wiederum Miles Davis "Seven steps to heaven" auf. Charlys Lieblings-Jazz-CD. Er pflegte zu sagen:
So stelle ich mir Jazz vor. So sollte Jazz sein.

Die Farbe schwarz
Am Freitag regnete es den ganzen Tag lang in Fischtown. Mit Freude und Genugtuung las Kammeier früh morgens in den Fischtown News, dass am Vortag auf der Werft SSW Shipyards die Taufe für den Container-Neubau "Anne Sibum" stattgefunden hatte. SSW kehrte in den Schiffsneubau zurück.
Im Laufe des Morgens hatten Kommissar Kammeier und seine Kollegen am Fließband Zeugen im Büro verhört. Dann betraten am Nachmittag gegen 16 Uhr die beiden italienischen Ermittler Luigi Ferrano und Bruno Banani das Büro und brachten heiße Neuigkeiten. Ferrano berichtete ganz aufgeregt, während Engelhardt, Schwarzkopf und Kammeier gebannt zuhörten:
"Die italienischen Kollegen haben uns gerade ein Fax geschickt und ich habe danach noch mal mit ihnen telefoniert. Sachstand ist: einer der beiden Verdächtigen ist ein Verwandter der Weihnachten ermordeten Gina Brani. Er heißt Adriano Brani ist 28 Jahre alt und ist an der Planung der Tat beteiligt gewesen oder er ist einer der beiden Killer. Hier ist ein Foto von ihm. Gina Brani wurde wahrscheinlich von dem erschossenen Antonio Longio ermordet.
Adriano Brani hat bis Mitte des Jahres in Italien in Haft gesessen, weil er auf der Beerdigung von Gina Brani eine Schusswaffe bei sich führte. Adriano Brani ist am 8. August nach Deutschland eingereist und hat sich seit dem hier aufgehalten. Er hat sich einen Wagen gemietet. Seine Wohnung in der Nähe von Fischtown wirkte bei der Durchsuchung wie fluchtartig verlassen. Adriano Brani ist 1,74 Meter groß, er hat eine schlange Figur, dunkle Haare und blaue Augen. Wir suchen einen schwarzen Fiat mit einem Hamburger Kennzeichen."
Charly Kammeier stand auf und sagte zu Engelhardt:
"Klaus, geh los und besorge sofort einen Haftbefehl vom Richter. Und gib anschließend eine Fahndung raus. Simone, Du kümmerst Dich um die Presse und um Plakate etc."
Als Kammeier nach draußen sah, war es vorübergehend trocken geworden.
Dann hängte sich Kommissar Kammeier ans Telefon, um seinen Vorgesetzten zu informieren. Der sagte nur:
"Der Staatsanwalt soll eine Belohnung über 10.000 € aussetzen. Schönen Gruß."
Danach rief Kammeier den Staatsanwalt auf seinem Handy an und erhielt die gewünschte Zusage. Entspannt lehnte er sich zurück. Einen kleinen Augenblick der Ruhe gönnte er sich, um festzustellen, dass es schon 18.30 Uhr war. Endlich hatten sie eine konkrete Spur. Endlich hatte man eine Vorstellung davon, wen man suchte. Über den zweiten Täter wußten sie noch nichts. Es war auch nicht bekannt, wo sich Adriano Brani aufhielt.
Gegen 19 Uhr kam Engelhardt mit dem Haftbefehl wieder zurück und hatte auch bereits die Fahndung rausgegeben. Simone Schwarzkopf hatte die Pressemitteilung verfasst und an die Presse gegeben.
Charly Kammeier sagte zum neuen Kollegen Sven Vanderbilt:
"Sven, Sie kümmern sich darum, dass wir eine spezielle Hotline für Hinweise bekommen unddass die Hotline übers Wochenende besetzt ist."
Für das Wochenende hatten die Metereologen schlechtes Wetter angesagt.
Es war schon lange dunkel draußen, als Komissar Kammeier gegen halb zehn Uhr abends nach Hause kam. Seine Frau Maria hatte sich Jazz aufgelegt. Er holte sich ein Pilsener Urquell aus dem Kühlschrank und setzte sich zu ihr. Sie hatte nach langer Zeit mal wieder Officium von Jan Garbarek aufgelegt, Musik, die auch Charly sehr liebte. Er freute sich, wieder bei seiner Frau zu sein. Er sah sie und er wußte, dass sie zusammenhörten. Sie war sein ein und alles.

Die Farbe Gelb
Samstag, der 1. September in Fischtown. Als Charly Kammeier gegen 7 Uhr aufstand, stellte er mit Freude und Erleichterung fest, dass der tagelange Regen endlich aufgehört hatte. Es war trocken und damit gab es Hoffnung, ein zwei Runden im Park zu laufen. Ja, sogar die Sonne schien. Die Sonne schien gelb und sonnengeld war seine Stimmung. Zugegeben, es waren keine sommerlichen Temperaturen mehr. Am Abend vorher war der internationale Haftbefehl nach Adriano Brani raus gegangen. Auch in der Tagesschau war der Fall noch erwähnt worden. Langsam verschwand der sechsfache Mord in Fischtown aus den Schlagzeilen. Der "Spiegel" hatte die Meldung nur noch unter Verschiedenes gebracht. Das hatte auch seine Vorteile, wenn ihr Fall nicht so im Mittelpunkt stand.
In den Fischtown-News musste Kammeier lesen, dass die Firma Repower am Labradorhafen nun mit den Gründungsarbeiten für ein Windrad-Werk begann. Hier entstand eine neue Montagehalle.
Kurz vor acht Uhr machte sich Kammeier auf die Beine zum Bäcker, holte die vorbestellten Brote ab und kaufte noch zwei Mohnbrötchen für Maria und sich. Auf dem Rückweg fing es überraschend an zu regnen und er wurde nass. Gegen halb neun Uhr weckte er seine Frau. Das Frühstück hatte er bereits gedeckt und die Sonne kam raus und machte ihn glücklich. Endlich wieder Hoffnung. Die Temperatur begann zu steigen. Mensch, dachte Charly, schon +15,2°C Vielleicht wird es doch noch ein brauchbarer Tag. Der Kommissar war sich nicht sicher, wie lange er an diesem Wochenende frei haben würde, aber er wollte die Zeit, die ihm blieb, nutzen.
Er musste jeden Augenblick mit einem Anruf aus dem Stadthaus rechnen.
Nach dem Frühstück fuhr Kammeier in den Park um ein, zwei Runden zu laufen. Dort mit dem alten 7er BMW angekommen, regnete es. Leise und nieselig.
Verdammte Scheiße, dachte er, das muss nun wieder mir passieren. Der Himmel war grau und wolkenverhangen und machte wenig Lust. Kammeier sagte sich:
Es nützt alles nichts, Du mußt da jetzt irgendwie durch.
Du hast eine Regenjacke, du hast Deine Stöcke, auf gehts.
Oder sollte er warten, bis es aufhörte zu regnen?
Die Sonne war verschwunden und irgendwie sah der Tag gleich ein bißchen dunkler und unfreundlicher aus. Er saß im Auto und beobachtete das Wetter. Die Bäume sahen immer noch dunkelgrün gefärbt aus. Die Regentropfen setzten sich auf der Frontscheibe seines Autos ab. Er wußte, dass er an diesem Tag laufen mußte, aber mußte er auch nass werden?
In der Ferne sah er Enten über die Straße watscheln.
Er stieg aus, ging über die Straße und begann zu laufen. Die Wege waren nass und mit Pfützen übersät. Ein junger Mann kam ihm auf seiner Allee mit einem Kampfhund entgegen. Die Bäume hatten nasse Füße. Ein kalter, feuchter Wind umspielte sein Gesicht. Ihm war noch kalt, trotz Trainingsanzug und Regenjacke. Der Weg vor ihm war matschig und aufgeweicht. Hin und wieder begegnete er Fußgängern und Joggern. Weiter vorne zeigte sich die Sonne auf einer Lichtung. Charly Kammeier schlug seine Stöcke kräftig in den Boden um sich fort zu bewegen und hatte das Gefühl in einem Urwald zu laufen. Auf der Lichtung angekommen, spürte er sofort die Wärme der Sonne im Gesicht. Vom See her hörte er Wasser rauschen. Seine Atmung war jetzt kräftiger und lauter geworden.
Kammeier war vor einiger Zeit vom Yoggen aufs Nordic Walking umgestiegen und mit dieser Sportart sehr zufrieden. Das Walking baute Muskulatur auf, sorgte für Sauerstoff und frische Luft und nach der Arbeit half es abzuschalten.
In der zweiten Runde fing er an zu schwitzen. Er war jetzt ganz Bewegung und Atmung und eins mit der Erde und dem Stock.
Tatsächlich erreichte den Kommissar beim Laufen im Park ein Anruf auf seinem Handy. Seine Mutter rief an, weil sein Vater morgens früh im Badezimmer gestürzt war. Sie wollte, dass er zusammen mit seinem Bruder kam. Sie erhoffte sich von ihren Söhnen Unterstützung. Als Kammeier sie fragte, was sie denn meine, sagte sie:
"Ins Heim will er nicht."
Nun, dachte Charly Kammeier, vielleicht findet sich eine Nachbarin, die hilft den Vater hochzuheben, wenn es sich wiederholen sollte. Und vielleicht muss man nun doch einen Pflegedienst organisieren, der den Vater morgens wäscht.
Als Kammeier mittags bei seinen Eltern war, war sein Vater kaum ansprechbar. Er schlief scheinbar. Ja, er wollte nun auch nicht mehr alleine in der Wohnung herumlaufen. Ja, er war mit den Vorschlägen einverstanden. Charly Kammeier machte sich Sorgen, dass sein Vater sterben könne und seine Mutter mit der Pflege alleine überfordert war.

Time to say good by...
Der Morgen des 2. September begann mit einer grauen Wolkendecke. Es war kühl draußen und Kammeier hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Immer wieder war er aufgewacht und hatte an seinen sterbenden Vater denken müssen. Es war wie ein dunkles Wollknäuel in seinem Kopf.
Kammeier hatte eine schwere bleierne Stimmung und er hoffte, dass Maria bald aufwachte, damit er mit ihr reden konnte. Kurz nach 8 Uhr rief er seine Mutter an, um sich zu erkundigen, wie es ihnen ging. Sie sagte, dass sein Vater nun schlafe nach einer unruhigen Nacht. Sie sprachen über die Pflege und seine Mutter meinte:
"Ich kriege ihn alleine gar nicht auf den Toilettenstuhl neben dem Bett."
Nach einer Weile antwortete Charly Kammeier, er würde am Montag morgen gleich mit dem Pflegedienst telefonieren, damit sie bei den Eltern einen Hausbesuch machten und Vorschläge unterbreiteten, wie man den Vater besser versorgen und die Mutter entlasten könne, auch wenn er spontan zur Toilette müsse. Oder sollte das die Nachbarin tun, die sich zur Rufbereitschaft erklärt hatte?
An diesem Wochenende war Charly Kammeiers Mafiafall in weite Ferne gerückt.
Der Himmel war grau. Und grau war auch Charly Kammeiers Stimmung an diesem Sonntag.
Nach dem er seiner Mutter am Telefon vorgeschlagen hatte, die Nachbarin als Pflegekraft privat zu engagieren, und sie gesagt hatte, sie wolle das ausprobieren, er solle den Pflegedienst nicht am Montag anrufen, ging es mit seiner Stimmung aufwärts.
Charly Kammeier konnte sich wieder irdischen Dingen zuwenden. Fischtown1 spielte die Mamas und Papas mit "Monday, monday und Kammeier spürte seine Traurigkeit. Es war Abschied angesagt.
Time to say good by...
Charly Kammeier hatte in seinem Leben keinen guten Draht zu seinem Vater gehabt. Er hatte sich von seinem Vater nicht verstanden und akzeptiert gefühlt. Das hatte oft zu Spannungen geführt. Doch seit einigen Jahren hatte sich das geändert. Wie hatte mal jemand gesagt: erwachsen ist man erst, wenn man seine Eltern versteht.

Gegen 9 Uhr klingelte Kammeiers Handy. Der diensthabende Kommissar Sven Vanderbilt war dran. Er sagte:
"Hallo Charly, wir haben eine frische Spur. In Hamburg will ein Taxifahrer gegen 6.10 Uhr den schwarzen Fiat mit dem Hamburger Kennzeichen mit mehreren Männern im Stadtteil St. Pauli gesehen habe. Die Personen kamen ihm verdächtig vor. Weil er einen Fahrgast beförderte, konnte er das Auto nicht weiter beobachten. Es wurde eine Fahnung mit 23 Funkstreifenwagen ausgelöst, die aber leider ergebnislos verlief. Bis jetzt."
Kommissar Kammeier war plötzlich aus seinem Sonntagstrott gerissen und wusste nur zu sagen:
"Das ist ja eine echte Überraschung. Sonst was Neues?"
"Nein", meinte Vanderbilt und wünschte noch einen schönen Sonntag.
Sonntag mittag trafen Kammeiers wie jeden Sonntag bei Schwiegermutter in Shannon-on-the-run ein. Aus irgendwelchen Gründen hörte Kammeier auf der Hinfahrt das alte Lied von The Doors: ryders on the storm. Und er sah wieder das Video vor sich, in dem ein Anhalter nachts an der Autostraße steht, wartet, mitgenommen wird und schließlich den Fahrer ermordet. War das die Lösung des Problems?
Gleich nach ihrer Ankunft in Shannon, begab sich Kammeier in den Garten von Schwiegermutter Mia. Hinter dem Schweinestall stand ein großer Apfelbaum unter dem sie oft im Sommer gesessen und gegrillt hatten. Jetzt lag das Fallobst unter dem alten Baum und ein frischer Wind fegte durch den riesigen Garten. Der Baum trug noch eine Menge Äpfel. Charly Kammeier setzte sich an den Holztisch und genoss das milde Wetter und den Wind. Mias Garten war einer seiner Lieblingsplätze. Hier war er lieber als an der Geestemünder Mole. Auf seinem Weg durch den Garten kam er am Entenstall vorbei und entdeckte, dass fast alle Bohnenreihen abgeerntet waren. Nur eine Reihe mit dicken weißen Bohnen wartete noch auf seinen Schwager. Auf der Schafswiese war nichts los. Keine Highlander und keine Schafe mehr.
Beim Mittagessen war sie mit neun Leuten: Mia und Ranna, Hensche und Hella, Rollo, Tenner und Swenny, sowie Maria und Charly. Tenner hatte ihm von seiner Reise nach Paris einen Uhrenkatalog von Mont Blanc mitgebracht und Charly meinte:
"Danke, dass Du an mich gedacht hast."
Von Nantes aus waren Tenner und seine Freundin Swenny mit dem schnellsten Zug der Welt, dem TGV, nach Paris gefahren.
Zu Mittag gab es wie immer Schweine-und Rindfleisch, dazu Gemüse, Nudeln und Kartoffeln.

Am späten Sonntag Abend war Kammeier gerade dabei sich im Internet die neue ZDF-Mediathek anzuschauen, als ihn eine Mail seines italienischen Kollegen Bruno Banani erreichte. Der schrieb ihm, dass er Zweifel habe, dass der schwarze Fiat in Hamburg wirklich Adriano Brani gehört habe. Er gehe davon aus, dass sich der Taxifahrer geirrt habe. Es gebe in Hamburg mindestens 30 andere Fiats vom gleichen Autoverleih mit fast derselben Nummer.
In Italien verstärkten Polizei und Carabinieri ihre Kontrollen in Rossario. Auch werde weiterhin nach einem Dutzend Verdächtiger gefahndet. Wörtlich schrieb Banani:
"Ich bin mir fast sicher, dass Brani in Italien ist."
Kommissar Kammeier dankte Banani für die Informationen und wünschte ihm noch einen schönen Abend. Während im Wohnzimmer Maria sich ihre gemeinsame Lieblings-CD von Keith Jarett "Norwegian standards" aufgelegt hatte, erhielt Kammeier unverhofft eine Nachricht, die ihn tief bewegte. Ein Herr Böger aus Hamburg schrieb ihm, dass er unter www.youtube.com ein kurzes Video anschauen könne, in dem man sehe, dass die SS Norway nun auf hoher See abgewrackt werde. Bis auf den Schiffsmittelteil und den letzten Schornstein war kaum noch etwas übrig geblieben.
Time to say good by...
Es war schon halb elf Uhr und Kommissar Kammeier dachte trotzig:
The show must go on...

Am Tag des 5. September war die Mordkommission Hafenstraße wiederum nicht weiter gekommen. Man hatte Spuren ausgewertet, viele Telefonate geführt und Informationen ausgewertet. Am Morgen hatte Kommissar Kammeier einen älteren polnischen Aussiedler in seinem Büro befragt, der möglicherweise Kontakt zu Adriano Brani gehabt hatte.
Simone Schwarzkopf kam schockiert ins Büro und meinte:
"Mein Gott, der Terror rückt ja immer näher. Die dänische Polizei hat gestern einen Terroranschlag von Al Kaida verhindert."
"Ja, ja" meinte Charly Kammeier, "ich habe das auch in Fischtown-News gelesen. Aber mich regt vielmehr auf, dass die vielen Arbeiter, die jahrelang auf den Werften und auf den Schiffen mit Asbest zu tun haben, und jetzt an Asbestose leiden, von den Rentenversicherungsträgern, den Gutachtern und Krankenkassen im Stich gelassen haben. Haben Sie geraucht, na sehen Sie dann kommt das davon."
Die Arbeit mußte weitergehen. Das Telefon klingelte den ganzen Tag. Und Kammeier hatte Akten zu wälzen und zu lesen.
Nach der Arbeit machte Kammeier zusammen mit seiner Frau eine Schiffsreise auf der Weserfähre. Die Reise ging zum Containerterminal wo gegen 19 Uhr die "Emma Maersk", das größte Containerschiff der Welt mit hellblauem Rumpf eintraf. Über Handy verständigte sich Kammeier mit seinem Freund Riven Boogel, der auf einer der Containerbrücken Dienst hatte. In 45 m Höhe bewegten sich plötzlich die Vorrichtungen mit denen die Container angepickt wurden: Boogel grüßte seinen Freund Charly Kammeier. Auch Maria war von den gigantischen Ausmaßen des 400 m langen Schiffes begeistert.
Es war schon spät am Abend. Maria hatte ihn darauf aufmerksam gemacht: Freddy Mercury wäre heute 61 Jahre alt geworden. Gut, es war schon 22 Uhr, aber das war Charly Freddy schuldig. Er holte sich Queen Greatest Hits 2 aus dem Regal und sagte zu Maria:
"Nur das eine Stück."
Charly entschied sich für "You`re my best friend". Und Charly hatte das Gefühl, er müßte die Musik lauter, noch lauter stellen. Immer hatte er die Beatles geliebt, aber in den letzten Jahren waren Queen bei ihm auf Platz 1 gerückt. Wenn er Queen im Autoradio hörte, flippte Kammeier völlig aus. Die Stereo-Anlage noch ein bißchen lautet stellen.
"Crazy little thing called love" auch solch ein schönes rhythmisches Stück, da mußte Charly einfach tanzen und klatschen.
Und dann das Absolute, ..."Somebody to love"..
Freddy hau in die Tasten...
Charly Kammeier breitete seine Flügel aus und flog davon.
Dann noch der Song aller Sportfreunde "We will rock you..." und er dachte, vielleicht ein Song für die schwarzen Baumwollpfücker.
Zum Schluss das allergrößte, strotzend vor Selbstbewußtsein: we are the champions. Kammeier lief die Tränen vor Freude und er dachte an Freddy und dachte: schade, dass er tot ist.

The greatest pretender
Am 6. September war in der Presse zu lesen, dass man auf dem Philips-Field einen Supermarkt bauen wollte. Aber. Aber es gab Widerstand von Seiten der Archäologen, die behaupteten, dass unter der Erde die Reste des mittelalterlichen Hafenortes Bruggehusen lägen. Kommissar Kommissar hatte von diesen Dingen vorher noch nie etwas gehört. Aber...man lernte hinzu.
Kommissar Kammeier hatte den ganzen Tag mit Kopfschmerzen zugebracht, 3 Aspirin genommen und sich durch den Tag und Berge von Arbeit gekämpft. Abends war er noch eine Runde im Park gelaufen. Nein, sie waren noch immer nicht wirklich weiter gekommen.
Es war schon fast 20 Uhr als er sich wieder Queen II aufgelegt. Ja, das ging ab wie Schmidts Katze. Maria pfiff die Musik mit. Man mußte sich bewegen, einfach bewegen und laut mitsingen. Don`t stop me now.
Ja, dachte Kammeier, no one can stop me now.
Charly drehte den Lautstärkeregler lauter und lauter.
Don`t stop me, huhuhu.
Ja, er würde den Fall lösen. Don`t stop me now.
Er wußte, er war gut.
Some body to love....
Rock me... und die Gitarre von Brian May... Kammeier flippte aus.

Das Dossier (2)
Es war wundervolles Wetter an diesem Freitag Nachmittag des 7. September in Fischtown. Kommissarin Simone Schwarzkopf hatte im Schreibtisch von Kammeier nach einem Vorgang gesucht und war auf die umfangreiche Akte der Innenbehörde Bremen gestoßen, die seit Anfang August im Schreibtisch von Charly Kammeier schlummerte. Sie erinnerte sich siedend heiß daran, dass Kammeier in mehreren Gesprächen von einem geheimen Dossier aus Bremen gesprochen hatte, das er lesen wollte. Beim Lesen wurde ihr klar, dass es um einen geheimen Bericht der italienischen Behörden vom 29. Juni handelte, in dem auch Namen der Opfer auftauchten.
Während die schöne Simone ihren heißen Kaffee trank und ihre wohl geformten Beine übereinander schlug, sagte sie leise:
"Oh, oh Charly, wenn das der Herr Kriminaldirektor van Heukelum erfährt, gehts Dir schlecht.." Bei sich dachte sie: Junge, Junge, das kann Dich den Kragen kosten. Wenn Du die Akte rechtzeitig gelesen und uns zugänglich gemacht hättest, hätten wir vielleicht die Morde verhindern können. Was sollte sie tun? Schweigen? Sie überlegte sich, dass der Leitende Kriminaldirektor sicherlich Kammeier sofort von dem Fall abziehen würde und sie die Chance bekäme, sich zu profilieren. Sie mochte Charly gerne, aber sie musste auch an sich denken. Sie musste sich absichern. Was, wenn heraus kam, dass sie gewusst hatte, dass Kammeier dieses Dossier verschlammt hatte? Dann war auch sie dran. Sie hatte die Möglichkeit, ihren Chef Kammeier darauf anzusprechen. Er würde verharmlosen, Ausreden erfinden. Vielleicht sollte der Kriminaldirektor selbst darüber fallen?
Während sie noch hin und her gerissen war, was sie weiter machen sollte, ging die Tür auf Kommissar Kammeier kam herein. Er sah etwas abgespannt von der Arbeitswoche aus, lächelte Simone an, freute sich Simone zu sehen und entdeckte das Dossier auf Simones Schreibtisch.
Charly Kammeier stand im Raum und war sprachlos. Er verspürte leise Angst. Gleichzeitig betrachtete er seine hübsche Kollegin, die da in ihrem kurzen Rock saß, für seinen Geschmack fast zu kurz, und eine Sekunde lang glaubte er, sie habe keinen Slip an. Simone Schwarzkopf sagte:
"Ich war auf der Suche nach einem Vorgang und da bin ich über das Dossier in Deinem Schreibtisch gestolpert. Tut mir leid. Ich hatte Zeit, es zu lesen. Die italienischen Kollegen schreiben in ihrem Bericht vom 29. Juni über das Lokal "Da Angelo", über Antonio Longio und über die sechs Opfer der Hinrichtung. Wenn Du es rechtzeitig gelesen hättest, hätten wir die Morde vielleicht verhindern können."
Kammeiers Magen zog sich zusammen. Er spürte Verspannungen im Nackenbereich und er hatte einen trockenen Mund. Er sah seine schöne, junge Kollegin vor sich mit ihren wundervollen nackten Beinen und er hatte das Gefühl, dass sich eine Drahtschlinge um seinen Hals zog.
Kommissar Kammeier dachte: Verdammte Scheiße. Warum habe ich dieses blöde Dossier solange ignoriert, wie konnte mir das passieren? Was mache ich jetzt? Es nützt gar nichts, ich muss da jetzt durch, zum Chef und die Sache beichten.
Laut sagte er zu seiner Kollegin:
"Ich werde den Chef informieren, und zwar sofort."
Kammeier nahm noch einen Schluck kalten Kaffees, dann ging er zur Tür. Ihm war kalt. Zehn Minuten später saß er bei seinem Vorgesetzten Herrn Kriminaldirektor van Heukelum. Der hörte sich den Sachverhalt an und sagte dann zu Kammeier:
"Herr Kammeier, ich muss sie bis auf weiteres von diesem Fall abziehen und sie suspendieren. Ich werde die senatorische Stelle informieren. Die Opposition hat im Landtag schon einen Anfrage gestellt. Und Presse ist auch heiß gelaufen."
Er fluchte fürchterlich. Und sagte dann:
"Kommissarin Schwarzkopf wird bis auf Weiteres die Mordkommission leiten. Richten Sie ihr das aus. Sie soll sich gegen 16.30 Uhr bei mir melden."
Als Charly die Treppe hinunter ging, hatte er Blei in den Beinen. Es tat weh. Er war traurig und niedergeschlagen. Und beschimpfte sich selbst. Im Büro angekommen informierte er die Kollegin, nahm seine Sachen und verließ das Stadthaus.
Es war genau 16.07 Uhr und die Sonne schien wundervoll und hell.
Charly Kammeier betrat die Heinrich-Schmalfeldt-Straße und musste an das 16. Boogelsche Gesetz denken: Alles hat seine Zeit. Vielleicht war jetzt Zeit für ihn das im Hafen liegenderussische Segelschiff "Mir" anzuschauen?
Kurz vor dem Abendessen mit Maria telefonierte Charly Kammeier mit seinem Kollegen Klaus Engelhard. Der berichtete, dass die Bremer Innenbehörde gegenüber van Heukelum gefordert hatte, den sechsfachen Mord an das LKA abzugeben. Van Heukelum hatte das Dossier gelesen und nicht finden können, das die Fischtowner Kripo wirklich Fehler gemacht hatte. Der Kriminaldirektor hatte seine Leute verteidigt und gemeint, dass sie hervorragende professionelle Arbeit machten und in der Lage wären, den Fall in Zusammenarbeit mit LKA und BKA zu lösen.
"Und was ist mit mir?" fragte Kammeier.
"Wie sagte er so schön. Alles hat seine Zeit. Die Opposition im Landtag muss sich erstmal beruhigen und der Wind in der Presse sich legen. Ein kleines Bauernopfer muss sein. Das wird noch etwas dauern," meinte Engelhardt.
Ja, ja, dachte Kammeier, das 16. Boogelsche Gesetz. Naja, Scheiße hatte er schon gemacht. Nun war Zeit, über alles nachzudenken.
Es war schon spät nach 22 Uhr, als Charly Kammeier in seinem Arbeitszimmer saß und am Computer sich Notizen machte. Ja, dachte er, Krisen sind auch eine Chance etwas zu ändern, bzw. daraus zu lernen.
Mit einen Schmunzeln musste er daran denken, dass sie heute wieder im Edeka-Laden an der Ecke einkaufen gewesen waren. Hier scherzte er mit Schwester Anneliese an der Kasse und mit der Schlachtersfrau, die ihm mittags heiße Frikadellen mit Nudelsalat verkaufte. Schwester Anneliese nannte er eine Verkäuferin scherzhaft, weil er sich ihren Namen nicht merken konnte. Kammeier kaufte in dem Ededa-Laden an der Ecke oft und gerne. Hier ging es noch persönlich zu. Man nahm sich Zeit für einen Plausch oder einen Scherz. Er hatte dort beim Einkaufen seinen Spass. Die beiden Kassierinnen lachten gerne und waren zu einem Spass aufgelegt, und auch die Schlachtersfrau hatte viel Humor. Auch am Obst-und Gemüsestand blieb Charly Kammeier oft stehen um mit der alten Frau Cornfeld eine Runde zu schwatzen. Aber heute hatte er im Tschibo-Regal etwas ganz Tolles gefunden: einen Multifunktionswecker von Tschibo. Kammeier hatte nicht nur das schöne Design angesprochen, sondern auch die Möglichkeit die Auߟentemperatur auf dem Display abzulesen. Das Spielzeug für groߟe Jungs kostete 15€ und Maria sagte ja.
Grönland rammt fast die Kaje
Der 8. September war ein regnerischer Tag in Fischtown. In Bayern wurden 200.000 Enten gekeult, was Kammeier sehr traurig fand. Kammeier vermutete, dass nicht die Mafia hintersteckte. Noch trauriger fand Charly Kammeier, dass in Frankfurt ein jüdischer Rabbiner auf offener Straße niedergestochen wurde. Die Mafia hatte wohl auch damit nichts zu tun. Am späten Nachmittag rammt die "Grönland" im Neuen Hafen fast die Kaje. Kammeier war sofort klar, dass die Mafia dahinter steckte.
Der suspendierte Komissar forschte im Internet nach Neuigkeiten über den Fall, aber dort nichtete das Nichts. Die Mafia war wie vom Erdboden verschwunden. Den ganzen Tag über versuchte Kammeier mit einer Firma in Kanada zu mailen, die ihm Geld schuldete für eine Uhr, die sie nicht liefern konnte. Wahrscheinlich gehörte der Mafia diese Firma. In Fischtown jedenfalls war die Mafia abgetaucht, irgendwo da unten in der Kanalisation oder in der Hölle steckte sie.
Spät abends saßen Charly und Maria im Wohnzimmer zusammen. Maria hatte Miles Davis aufgelegt. Kammeier kannte die CD und die Stücke. Es war doch...? "Seven steps to heaven".
Zur Zeit war das seine absolute Lieblingsmusik jedenfalls was den Jazz betraf.
Ausflug nach Prag
Am Samstag Abend des 29. September gegen 22.20 Uhr saß Charly Kammeier gemütlich mit seiner Frau Maria Zuhause in ihrer schönen großen Wohnung an der Allee. Sie hatten im Wohnzimmer Miles Davis "Kind of Blue" laufen und Charly träumte von schönen Dingen, als sein Handy klingelte.
Nicht das, dachte er, und erinnerte sich daran, dass er bereits sein zweites Becks aufgemacht hatte.
Am Telefon war der Wochenenddienst aus dem Stadthaus. Die Kriminalbereitschaft. Klaus Engelhardt meldete sich:
"Hallo Charly, tut mir leid, dass ich noch so spät anrufe. Ich habe zwei gute Nachrichten. Erstens Deine Suspendierung ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Zweitens: Wir haben gerade Informationen aus Prag bekommen, dass dort unser gesuchter Adriano Brani sich aufhalten soll. Die tschechischen Kollegen wollen, dass Du runterkommst und Du sollst einen italienischen Kollegen mitbringen, der sich in der Szene auskennt und die Sprache spricht.
Kommissar Kammeier konnte sich Begeisterung gar nicht bremsen. Laut sagte er: "O.K."
Klaus Engelhardt antwortete: "Du sollst morgen früh mit Ferrano aufbrechen. Dienstreise. Ich habe für euch schon zwei Zimmer im Hotel Duo reservieren lassen. Ich schlage vor, dass ihr euch morgen gegen 7 Uhr im Büro trefft."
Charly Kammeier sah auf seine Hamilton und merkte, dass es bereits 22.32 Uhr war, als er auflegte und sich entspannte. Verdammte Scheiße, das fehlte ihm noch 11 Stunden Autofahrt nach Prag. Naja, Prag war eine schöne alte Stadt. Man konnte das Ganze auch positiv sehen. Maria war unbegeistert, dass ihr Charly für einige Tage verschwinden würde.

Prag
Prag. Es war Sonntag Abend, der 30. September gegen 19.18 Uhr als Charly Kammeier seinen alten 7er BMW direkt vor dem "Duo Hotel" in der Nähe der Autobahn zum Halten brachte.
Die beiden Männer luden die Koffer aus dem Auto. Kammeier fuhr ein Stück weiter, stellte den BMW ab und ging zu Ferrano zum Eingang.
Es war ein großes 3- Sterne-Hotel, das aus zwei Hochhäusern mit 10 Stockwerken bestand. Am Eingang rechts sah man schon die Spielhölle. 5.605 tschechische Kronen zeigte die Tafel an. In der Rezeption konnte Ferrano schnell klären, das sie ihre Zimmerschlüssel bekamen. Mit dem Fahrstuhl fuhren sie in den 4. Stock.
Charly Kammeier betrat das sympathisch und praktisch eingerichtete Hotelzimmer. Das in rot gehaltene Zimmer mit Klima-Anlage gefiel ihm. Er packte seinen Koffer aus. Sein Rücken fühlte sich verspannt an von der langen Autofahrt. Mit Freude dachte er daran, dass er am nächsten Tag noch einmal die Altstadt mit ihren mächtigen Häusern sehen würde. Das hätte er nicht gedacht, dass er nach nur zwei Monaten noch einmal hier sein würde. Er war bereits im August mit seiner Frau in Prag gewesen.
Sein Apple iPhone klingelte. Es war der tschechische Kollege Pavel Lobkowitz dran, der sagte:
"Hallo, Herr Kammeier, wie war die Fahrt?"
"Ach, reden wir über etwas anderes. Was macht denn unser gesuchter Brani?"
Lobkowitz räusperte sich und meinte dann:
"Adriano Brani hält sich seit einigen Tagen in einem kleinen Hotel am Staromestske namesti auf. Auf deutsch Am Altstädter Ring. Kennen Sie sich in Prag aus, oder soll ich Sie morgen früh abholen?"
Kommissar Kammeier überlegte. Anfang August waren sie jeden Tag mit dem Bus in die Stadt gefahren worden, waren an der Moldau ausgestiegen und dann mit einem Stadtführer durch die Altstadt gegangen. Der hatte ihnen Vorträge in nicht endend wollenden Ausführungen über die tschechische Geschichte im allgemeinen, die Prager Geschichte im besonderen mit Schwerpunkt auf die Prager Fensterstürze ein, zwei und drei gehalten. Nein, er kannte sich nicht aus. Zu Lobkowitz sagte er:
"Wissen Sie, Kommissar, ich war Anfang August mit meiner Frau hier mit einer Busgesellschaft, aber auskennen tue ich mich nicht. Holen Sie uns doch morgen früh um 9 Uhr hier vor dem Duo-Hotel ab. Ich hoffe, der Vogel ist bis dahin nicht ausgeflogen."
Kommisssar Lobkowitz meinte auf seine gemütliche Art zu Kammeier:
"Brani scheint sich sehr sicher zu fühlen. Er verkehrte ganz ungeniert in einem italienischen Restaurant, sitzt dort stundenlang und trinkt seinen Kaffee. Ich glaube, wir werden Glück haben. Zuerst muss ihr italienischer Kollege natürlich feststellen, ob es wirklich ihr Brani ist oder ob wir daneben gehauen haben."

Nach dem die beiden Kommissare am Morgen des 1. Oktober kurz nach 8 Uhr in einem der weitläufigen Speisesäle ihr reichhaltiges Frühstück eingenommen hatten, wurden sie pünktlich von Lobkowitz um 9 Uhr vor dem Hotel abgeholt. Nach einer halben Stunde Fahrt hielt Kommissar Lobkowitz den PKW in der Nähe des Altstädter Rings an. Zu Fuß gingen sie weiter und bald standen sie auf einem besonderen Platz mit Blick auf die Astronomische Uhr, die hier schon wieder von vielen Touristen umlagert war am frühen Morgen.
Sie hatten noch ein kleines Stück zu gehen. Lobkowitz führte die beiden in ein kleines, am Rande liegendes italienisches Cafe. Dort saßen sie draußen an einem Tisch mit Blick auf ein unscheinbares Hotel gegenüber mit dem Namen Hotel Nr. 3.
Charly Kammeier hasste solche frühen Termine. Es war noch kühl und er schätzte die Temperatur auf 12°C. Zu kalt, um draußen zu sitzen. Der Himmel war leicht bewölkt. Es war zwar ein schönes Gefühl, wieder in Prag zu sein, aber der Anlass war doch recht unangenehm. Wer sagte denn, dass der Gefundene Brani war, der weltweit von Interpol mit Steckbrief gesucht wurde? Warum sollte sich Brani ausgerechnet hier mitten im Touristengewühl aufhalten? Kammeier blickte in die Runde. Laut sagte er zu Kommissar Lobkowitz:
"Herr Kollege, was denken Sie, wie gehen wir vor? Was haben Sie schon vorbereitet?"
Lobkowitz war die Ruhe selbst. Gemütlich zog der dickleibige Kommissar an seiner Pfeife und meinte dann, als ginge es um einen Spaziergang:
"Ich habe im und um das Haus einige Kollegen unauffällig in Zivil postiert. Brani hat sich dort unter dem falschen Namen Mario Strangio angemeldet. Nach meinen Informationen hält er sich zur Zeit in seinem Hotelzimmer im 1. Stock auf. Im Zimmer nebenan ist ein Kollege vor drei Tagen eingezogen und beobachtet Brani. Ich schlage vor, dass der italienische Kollege Luigi Ferrano die Kontaktaufnahme zu Strangio übernimmt."
Kommissar Charly Kammeier holte tief Luft und sah zum Hotel Nr. 3 hinüber, das dort friedlich lag. Eine Sekunde lang glaubte er den Gesuchten Adriano Brani am Fenster im I. Stock zu sehen. Kammeier hatte ein ungutes Gefühl. Er befürchtete, dass bei der vielen Zeit, die sich die tschechischen Kollegen gelassen hatten, um auf Kammeier und Co zu warten, der Vogel längst verduftet war. Kammeier war nervös. Er tauschte einen Blick mit Ferrano aus. Sie standen auf und gingen zielstrebig auf das Hotel zu.
Kammeiers Herz begann zu klopfen.
Er schwitzte unter den Achselhöhlen.
Seine Füße fühlten sich kalt an.
Charly Kammeier sah Bilder.
Er sah seinen sterbenden Vater im Bett röcheln.
Er hatte das Gefühl, dass jeden Augenblick seine Frau Maria anrufen könne, um mitzuteilen, dass sein Vater verstorben war.
Ferrano ging voran und betrat forsch das Hotel.
Charly Kammeier hörte Musik von Queen im Ohr: "Now one can stop me now".
Von einer euphorischen Welle getragen betrat er hinter Ferrano das Hotel.
Es war das Gefühl der Macht, dass ihm plötzlich bewusst wurde.
Kommissar Kammeier sah auf seine schlichte Hamilton Khaki-Uhr aus der Schweiz, die einer amerikanischen Armeeuhr aus den 80er Jahren nachgebaut war. Und die die GIs sogar im Vietnam-Krieg getragen hatten. Es war 10.10 Uhr. Charly Kammeier gab seinem italienischen Kollegen das Signal, das Hotelzimmer von Brani zu öffnen. Dazu kam es aber gar mehr, weil sich die Tür öffnete und junger Mann von schätzungsweise 28 Jahren heraus kam. Er sah dem Mafiosi auf den Fahndungsfotos zum Verwechseln ähnlich. Ferrano wollte gerade seine Pistole ziehen.
Der vermeintliche Italiener sah die Polizisten überrascht fragend, mit einem naiven Blick an.
Ferrano forderte den Gesuchten auf italienisch auf, sich auszuweisen. Brani wollte in seine Jackentasche greifen. Kommissar Kammeier und die anderen Polizisten hatten aber schon ihre Waffen gezogen. Irgendwer schoss und ...
Es kam zum Schusswechsel, der Gesuchte, ein Brian Celentano (falscher Pass) wurde getötet. In seiner Jackentasche fand Kammeier u.a. einen Zettel mit einer Handy-Nummer aus Italien und die Adresse eines "Hotel Skandinavia" in Venedig. Diese Telefonon-Nummer hatte Celentano auch in seinem Handy abgespeichert unter Adriano...

In diesem Augenblick klingelte Kommissar Kammeiers Handy. Seine Frau Maria war dran. Sie teilte ihm mit, dass sein Vater verstorben war.
Gott sei Dank, meinte Kammeier zu ihr, er hats geschafft. Das Leiden hat ein Ende.
Ferrano und Lobkowitz untersuchten den Verdächtigen nach Waffen.
Kommmissar Charly Kammeier dachte: Mein Gott, sollte dieser gottverdammte und gesuchte Adriano Brani in Venedig stecken und wir dort noch hin müssen?
Wer war dieser Brian Centano?
Ein Verwandter oder Bruder von Brani?

Es war ein Prager Kaffeehaus, in dem Pavel Lobkowitz, Charly Kammeier und Luigi Ferrano zusammen saßen, um die tödliche Verhaftung von Brian Celentano auszuwerten.
Kommissar Ferrano hatte sich in dem grünlich eingerichteten Kaffeehaus mit dem braunen Holzgestühl einen Espresso mit Schlagsahne bestellt, und begann mit einem neugierigen Blick auf die junge hübsche Serviererin mit dem polnischen Akzent und der schönen Ausstrahlung, zu erzählen:
"Brian Celentano ist mir weitläufig bekannt gewesen. Er war auch auf der Beerdigung von Gina Brani damals im Dezember 2006, und ich möchte fast wetten, dass er mit Adriano Brani verwandt ist. Ich gehe davon aus, dass er Kontakt zu unserem Gesuchten hatte."
Kommissar Kammeier genoss die angenehme Atmosphäre des Prager Kaffeehauses. Es hatte etwas gediegenes und gemütliches. Der Kaffee schmeckte einmalig und umwerfend. Zusammen mit diesem wahnsinnigen Schokoladenkuchen mit Banane war es eine Gaumenfreude. Mit gierigem Blick verfolgte Kammeier jede Bewegung der jungen Polin, die im besten Alter Anfang 20 war. Sie war in der Tat nicht nur eine Schönheit, sondern sie hatte auch das gewisse weibliche Etwas. Es war ihre Art sich zu bewegen, und zu lächeln, die ihn bestrickte.
Charly Kammeier atmete ganz normal, er trank seinen Kaffee und er hatte auf einmal das plötzliche Verlangen danach, seine Frau neben sich zu haben.
Kommissar Kammeiers Gedanken machten einen Flug. Seit dem 14. August ermittelten sie nun 600 Spuren weltweit. Heute war der 1. Oktober und er saß Mutterseelen alleine in Prag zusammen mit zwei Kollegen auf der Jagd nach einem Mafia-Killer, der vermutlich 6 Menschen auf dem Gewissen hatte.
Kammeier holte tief Luft und nahm noch einen Schluck Expresso-Kaffee und beobachtete den braungebrannten, schon etwas älteren italienischen Kollegen Ferrano, der lächelte mit seinem Charme die junge Polin an, die gerade vorbei ging, hatte aber keine Chance.
Ferrano sagte:
"Es nützt alles nichts, wir müssen nach Venedig."
Pavel Lobkowitz griente und meinte ganz locker:
"Aber ohne mich."
Charly Kammeier dachte an Fischtown, wo es fast immer regnete. Nein, so aufregend er Venedig zusammen mit seiner Frau damals erlebt hatte, nein, nicht Venedig, er wollte nur noch eins: nach Hause zu seiner Frau.
Das Handy von Kommissar Lobkowitz klingelte. Sein Büro war dran. Er hörte aufmerksam zu, während er mit seinem Löffel im Kaffee rührte. Dann blickte er Kammeier an und sagte:
"Meine Kollegen haben das Hotelzimmer von Celentano untersucht und seine Bekleidung. Außer der Telefon-Nummer dieses Hotels in Venedig haben sie nicht gefunden. Sie haben die Adresse herausgefunden. Sie lautet: Campo s. Maria Formosa. Das Hotel liegt mitten in der Innenstadt. Mitten im Labyrinth. Mein Kollege hat schon mal die Kollegen in Venedig informiert. Die werden sich unauffällig um das Hotel kümmern und darum, dass der Telefon-Anschluss von diesem Adriano, den Celentano angerufen hat, abgehört wird."
Charly Kammeier hüstelte, als leide er an einer chronischen Bronchitis, aber in Wirklichkeit war es wohl nur ein Zeichen für Stress. Venedig, die schönste Stadt der Welt. Aber jetzt wollte er gar nicht und überhaupt nicht nach Venedig. Kammeier wollte nur eins: zurück in das Armenhaus der Republik, in diese ärmliche Hafenstadt, in der es die meiste Zeit des Jahres regnete, zurück in sein Fischtown, seine Heimatstadt.
Kommissar Kammeier wechselte einen Blick mit dem Kollegen Luigi Ferrano. Laut sagte Kommissar Kammeier:
"Ich denke, wir warten erst mal die Ermittlungen der italienischen Kollegen ab, ob sich Adriano Brani wirklich in Venedig aufhält, ob es seine Handy-Nummer ist und ob sich der Gesuchte im Hotel Scandinavia aufhält. Bis dahin..."

Die Dunkelheit war schon über Prag hereingebrochen, als Kommissar Kammeier in seinem Hotelzimmer im 4. Stock saß und über den Tag nachdachte. Die Fahrt nach Prag war nicht umsonst gewesen. Sein Handy klingelte, er sah, dass seine Frau Maria dran war, und freute sich. Sie fragte ihn, wie es ihm ginge und er meinte:
"Ich vermisse Dich, Maria. Ich will nach Hause."
"Und wie kommt ihr in dem Mafia-Fall voran?" fragte sie besorgt.
Charly Kammeier holte ganz tief Luft und seufzte:
"Den Gesuchten hat einer von uns aus Versehen erschossen. Aber mit ein wenig Glück ist es ein Verwandter von Adriano Brani, der uns zu ihm nach Venedig bringt, wenn Ferrano Recht hat. Obwohl ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen kann, dass sich ein sechsfacher Mörder ausgerechnet in einer Stadt mit Millionen Touristen aufhält. Ich an seiner Stelle würde mich irgendwo auf dem Lande verkriechen. Andererseits unter so vielen fremden Menschen fällt er weniger oder gar nicht auf, als auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, und jeder Fremde sofort auffällt. Und in Rossario und Umgebung kontrolliert die Polizei sowieso jeden Pups.
Ich habe vorhin eine Email von Klaus Engelhardt aus Fischtown bekommen. Es gibt nichts Neues an der Front."
Komissar Kammeier warf einen Blick auf seinen Laptop mit Internetzugang. Dann fuhr er fort, während er die Klima-Anlage misstrauisch beobachtete:
"Am liebsten möchte ich wieder Zuhause sein. Aber wenn wir von den italienischen Kollegen aus Venedig Signale bekommen, dass Adriano Brani wirklich dort im Hotel Scandinavia in Venedig stecken sollte, könnte es sein, dass ich noch mit Ferrano weiter nach Venedig muss."
Kammeier stand auf und sah aus dem Fenster. Das Hotel lag dicht an der Autobahn, und unten im Hof sah man Baracken stehen. Zu seiner Frau sagte er:
"Wie geht es Dir, Maria?"
"Ach, nicht so gut, Du fehlst mir sehr. Was denkst Du wie lange Du noch fort bleibst?"
"Ich weiß es nicht, Maria. Ich werde mich gleich mit Luigi Ferrano unten in der Bar zu einem tschechischen Pilsner Urquell treffen, vielleicht hat er ja schon neue Nachrichten aus Italien."
Nachdem er das Handy-Telefonat mit Maria beendet hatte, streckte sich Kammeier auf dem harten Bett aus und entspannte sich. Inemuri war angesagt.

Kurz vor 21 Uhr tauchte Charly Kammeier in der Bar des Duo Hotels auf. Es waren hier zu dieser Zeit verwirrend viele Menschen aus aller Herren Länder unterwegs. Zwei junge hübsche Chinesinnen kreuzten seinen Weg. In einer Ecke saß eine Gruppe Spanier und sang zu den Gitarrenklängen eines dunkelhäutigen Mannes.
Ferrano saß an einem kleinen Tisch mitten im Gang.
Charly Kammeier grüßte kurz und setzte sich. Sie bestellten sich kaltes tschechisches Bier.
Kammeier meinte:
"Das Pilsner Urquell gilt als eines der besten Biere der Welt. Wollen wir uns nicht duzen?"
Luigi Ferrano war mit seinen 55 Jahren eigentlich der Ältere, aber ihm war es lieb. Sie mochten sich und es war o.k. Er antwortete:
"Ehrlich gesagt, Charly, das deutsche Becks Bier ist mir lieber. Bei euch in Fischtown habe ich das Jever Bier kennen gelernt, das ist für mich das beste Bier der Welt."
Kammeier musste lauthals lachen.
"Du Schmeichler, was gibt es Neues aus Bella Italia?"
Luigi Ferrano erhob sein Glas und nahm einen tiefen Schluck von dem herben Bier. Dann begann er kurz zu berichten:
"Nach den Recherchen der Kollegen aus Venedig, soll sich ein Mann, der wie Adriano Brani aussieht, dort im Hotel aufhalten. Er wohnt dort unter anderem Namen, meldet sich auf seinem Handy aber mit Brani. Es spricht eine ganze Menge dafür, dass er der Gesuchte sein könnte. Das Zimmermädchen hat berichtet, dass er eine automatische Waffe bei sich im Zimmer haben soll. Er hat laut dem Mobilfunkbetreiber gestern Telefonate mit seiner Mutter in Rossario und dem Besitzer einer Pizzeria in Fischtown geführt. Ich denke, es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als morgen weiter nach Venedig zu fahren."
Sie prosteten sich zu. Kammeier schmeckte das Bier gut, es war herber als Becks. Der Gedanke nach Venedig zu fahren gefiel ihm, und gefiel ihm nicht. Charly Kammeier fiel in einen tiefen festen Schlaf.

Venedig
Am Nachmittag des 2. Oktober trafen die Kommissare Ferrano und Kammeier auf dem Flughafen Marco Polo in Venedig ein. Charly Kammeier sah auf seine Uhr. Es war 14.50 Uhr. Es war Zeit seine Hamilton endlich mal wieder aufzuziehen. Aber jetzt war keine Zeit dafür. Sie standen mit ihren Koffern an einer Busstation und Ferrano war dabei, Tickets für den Bus Nr. 86 zu kaufen. Die Sonne blendete mit ganzer Kraft. Charly Kammeier verstand kein Wort italienisch und er war froh, Luigi als Dolmetscher dabei zu haben.
In einer halbsbrecherischen und rasanten Fahrt fuhren sie mit dem Bus Richtung Venedig. Kommissar Kammeier hatte das Gefühl, die Busfahrt würde nie eine Ende nehmen und sie hätten den falschen Bus genommen.
Endlich hielt der verdammte Bus an einem Bahnhof an.
Luigi Ferrano stieg vor ihm aus, zog seinen Trolli hinter sich her, und ging schnurstracks auf eine Vaporetto-Station zu. Charly Kammeier erinnerte sich, dass er hier schon einmal in seinem Leben zusammen mit Maria gestanden hatte. Aufgeregt zog er seine Digitalkamera aus der Jacke und versuchte die Schiffe und Fähren, die hier auf dem Fluss fuhren zu fotografieren. Dort vorne musste der Canale Grande sein.
Es war ein herrlicher Tag. Nach dem anstrengenden Flug von Prag nach Venedig konnte Kammeier nun wieder etwas entspannen. Ferrano und er bestiegen das Vaporetto, mit dem die Venezianer auf den Kanälen herumschippern. Sie waren schon fast im Berufsverkehr gelandet und das Vaporetto stand voller Menschen.
Das Vaporetto nahm Fahrt auf und bog in den legendären Canale Grande ein. Charly genoss die einmalige Aussicht auf den breiten Wasserweg, beobachtete links und rechts die gewaltigen klassischen Gebäude, die im Wasser standen und teilweise restauriert wurden, teilweise bröckelte auch den Putz von der Fassade.
An der Rialto Brücke stiegen die beiden Kommissare aus. Mit der linken Hand zog Kammeier seinen Trolli über das holprige Pflaster mit der rechten Hand griff er in seine Jacke und kontrollierte den Sitz seiner Dienstpistole im Schulterhalfter. Er verspürte Nervosität im Herzbereich. Wie gerne hätte er jetzt irgendwo gesessen und einen Kaffee getrunken, aber sie mussten weiter durch das Labyrinth von Gassen und Straßen. Viele Touristen kamen ihnen entgegen. Luigi Ferrano blieb immer wieder stehen, um auf seine Stadtkarte zu schauen. Einmal standen sie plötzlich überraschend an einem Kanal. Die Gasse ging nicht weiter.
Als sie endlich auf dem Platz Campo S. Maria Formosa ankamen, zeigte die Kirchenuhr 16.30 Uhr an. Der Gemüsehändler baute gerade seinen Stand ab. Gegenüber entdeckte Charly Kammeier das "Hotel Scandinavia". Sein Herz begann zu klopfen.
Es schien so, als ob Ferrano die Gedanken von Kammeier lesen konnte, als er sagte:
"Keine Angst, Charly, wir haben alles im Griff."
Luigi Ferranos Handy klingelte. Der Einsatzleiter der venezianischen Polizei, ein gewisser Moreno war dran.
"Der Kollege Moreno leitet hier vor Ort den Einsatz. Sie haben alles vorbereitet. Brani ist auf seinem Zimmer, besser gesagt, er sitzt nichts ahnend auf seiner Dachterrasse im 4. Stock."

Adriano Brani hatte das Gefühl, das schönste Zimmer im Hotel bekommen zu haben. Hier oben fühlte er sich ganz sicher. Das mit Holz getäfelte Zimmer entsprach seinem Geschmack. Er trat auf die Dachterrasse hinaus und setzte sich auf einen der Stühle. Von hier aus hatte er einen Blick über die Dächer Venedigs. Es war wundervoll. Er konnte von links nach rechts 18 Schornsteine zählen. Von nebenan hörte er die Musik einer Trompete und stellte sich vor, dass es Miles Davis sei. Noch am Morgen hatte er dort gegenüber vom Dach einen italienischen Tenor singen hören. Es war schön gewesen und er hatte an den toten Pavarotti denken müssen. Er hatte hier wirklich einen schönen Blick. Weiter drüben konnte er ein, zwei Kirchen sehen.
Adriano Brani hatte in den letzten Stunden das Gefühl gehabt, die Polizei könne ihm eventuell auf die Spur gekommen sein. Sein Atem ging unruhig. Er hörte ein Geräusch vom Flur. Brani drehte sich um, stand auf und holte seine Maschinenpistole unter dem Bett hervor.
Da war wieder ein Geräusch, dieses Mal auf dem Dach.
Er atmete heftiger.
Irgend etwas beunruhigte ihn.
Adriano Brani holte ganz tief Luft. Er stand jetzt aufrecht in seinem Hotelzimmer, hatte die automatische Waffe in seinen Händen und beobachtete die Zimmertür. Gleichzeitig versuchte er das Dach zu kontrollieren.
Sein Herz klopfte heftig.

Als Kommissar Kammeier und Luigi Ferrano das Hotel Scandinavia betraten, traten sie an die Rezeption. Dort stand ein charmant lächelnder Italiener, der wohl der Chef sein konnte. Neben ihm stand eine junge Japanerin, etwas schüchtern drein schauend.
Ferrano unterhielt sich auf italienisch mit dem Hotelier, stellte die beiden vor, und kurz darauf war alles klar. Ferrano ging zu Fuß voran. Es gab hier keinen Fahrstuhl. Treppenabsatz um Treppenabsatz stiegen Ferrano und Charly Kammeier die vier Stockwerke nach oben. Kammeier wusste inzwischen, dass vor der Zimmertür, auf dem Dach, auf den Dächer gegenüber Spezialkräfte postiert waren.
Charly Kammeier hatte sich schon lange nicht mehr so beschissen gefühlt. Er hatte Gummi in den Beinen und sein Atem ging heftig. Endlich waren sie fast im 4. Stock angekommen.

Adriano Brani war extrem angespannt. Er wollte sich auf gar keinen Fall zu früh verraten oder etwas falsch machen. Abwarten, dachte er.
Ihm war inzwischen intuitiv klar geworden, dass oben auf dem Dach Spezialeinheiten saßen, und auch gegenüber hinter den Schornsteinen, gab es verdächtige Bewegungen. Es sah alles nicht gut aus für ihn.
Er hörte jetzt vor der Tür eine Stimme, die auf italienisch sagte:
"Hier spricht Commissario Luigi Ferrano von der Polizei. Adriano Brani, ich fordere Sie auf, unbewaffnet und mit erhobenen Händen aus dem Zimmer zu kommen. Ich gebe Ihnen 10 Sekunden Zeit."
Branis Herz schlug ihm bis zum Hals.
Was sollte er tun?
Drauflos ballern und im Kugelhagel sterben?
Sich ergeben und vielleicht doch aus Versehen erschossen werden?
Brani sah auf seine Uhr. Der Sekundenzeiger schob sich ganz langsam voran.
16.40 Uhr und 10 Sekunden.
11 Sekunden.
12 Sekunden.
Brani hatte das Gefühl in sich in einer Diaschau zu befinden.
Ein Bild dauerte eine Ewigkeit. So etwas hatte er auch schon mal in einem Haschisch-Rausch erlebt. Bild für Bild. Und jedes Bild dauert eine Ewigkeit.
Die Zeit schien still zu stehen.
16.40 Uhr und 13 Sekunden.
Da war lähmende Leere.
16.40 Uhr und 14 Sekunden.
Brani dachte plötzlich an eine Frau, mit der er vor kurzem ein Verhältnis gehabt hatte, weil sie so erotisch und sexy gewesen war. Eine Sekunde der Unendlichkeit erinnerte er sich daran, wie sie sich angefühlt hatte, wie sie die erste Nacht verbracht hatten, alles an ihr hatte schön ausgesehen, und sie war zauberhaft gewesen.
Die Uhr zeigte 15 Sekunden an.
Brani dachte an seinen Mittäter, seinen Pizza-Angestellten Angelini Carlo, der jetzt in aller Ruhe in Cuxhaven in einer Pizzeria stand und kellnerte.
Aus einer anderen Welt, die sehr weit weg war, hörte Brani ein Geräusch.
Brani drückte auf den Abzug seiner Maschinenpistole und hielt auf die Tür.
Tack, tack, tack. Tack, tack, tack.
Brani dreht sich jetzt um und hielt das Mündungsfeuer der Maschinenpistole in Richtung Balkon. Ging mutig in den Eingang und feuerte auf das Dach gegenüber, wo er Polizisten vermutete.
Erst nach einer ganzen Weile merkte er, dass sein Feuer nicht erwidert wurde.
Es entstand eine angstvolle Stille.
Es dauerte eine ganze Weile bis Brani begriffen hatte, dass sein rechter Arm höllisch schmerzte und er diesen nicht mehr bewegen konnte. Ein Scharfschütze vom Dach gegenüber musste ihn erwischt haben.
Am späten Nachmittag des 2. Oktober wurde Adriano Brani von Kommissar Kammeier in Venedig verhaftet. Brani musste zunächst ärztlich versorgt werden. Danach begannen Ferrano und seine Kollegen mit den Verhören.

Fischtown
Am Morgen des 4. Oktober war die Welt wieder in Ordnung. Kommissar Kammeier wachte in der gemeinsamen Wohnung auf in dem Glauben, dass sie den Fall gelöst hätten. Aber als er aber beim Frühstück sein Müsli mit Yoghurt, Ananas und Milch bereitete, wurde ihm scheibchenweise klar, dass er die Ereignisse in Prag nur geträumt hatte.
Adriano Brani wurde immer noch weltweit gesucht.
The show must go on...
Zu seiner Frau sagte Charly Kammeier am Frühstückstisch:
"Ich habe geträumt, dass ich in Venedig war und habe Adriano Brani verhaftet."
Empört antwortete Maria zu ihrem Mann:
"Charly, Du warst in Venedig und Du hast Brani verhaftet."
Die beiden mussten lauthals lachen.

Fünf Festnahmen
Am 18. Dezember wurden im Zusammenhang mit dem 6fachen Mord in Fischtown in Deutschland und Italien fünf Männer verhaftet. Adriano Brani war allerdings weiterhin flüchtig. Als Kommissar Kammeier am Abend zusammen mit seiner Frau Maria Zuhause saß und es sich gemütlich gemacht hatte, sagte er zu ihr:
"Wir sind heute wieder ein Stück weiter gekommen. Ich frage mich allerdings ernsthaft, ob wir die Drahtzieher jemals werden dingfest machen können. Die italienischen Kollegen in San Luca scheinen entschlossen dem Brani-Clan das Leben zur Hölle zu machen."
Es war kurz vor Weihnachten und auch im Stadthaus war es ruhiger geworden. Kommissar Kammeier freute sich auf ein paar freie Tage zwischen Weihnachten und Neujahr.
Nach 20 Uhr rief sein Freund James R. Boogel an. Boogel hatte Dienst auf der Containerbrücke Nr. 12 am Containerterminal Wilhelm Kaisen. Boogel saß da oben auf der schaukelnden Brücke, hatte sein Handy am Ohr und meinte zu Kammeier:
"Hör zu Charly, ich habe gerade ein paar Minuten Pause. Was macht Dein Fall? Und kommt Ihr am Freitag Abend? Gandolf weiht seine Wohnung ein."
Charly Kammeier wußte schon Bescheid:
"Ach Alter, zum Fall kein Wort, wir sind ihnen auf der Spur. Was Gandolfs Feier betrifft, kommen wir natürlich. Ach ja, Li und Ai Chang kommen auch."
Kommissar Kammeier beschäftigte sich am späten Abend damit ein altes Outdoor-Handy von Siemens, das legendäre ME 45 wieder zu aktivieren. Er hatte es vor Jahren heiß geliebt. Nun hatte er es auf einem Schrank in Sheldon wieder gefunden. Ja, der Akku ging noch. Und schöne alte Handy funktionierte auch noch. Zuerst glaubte er an einen Laufwerksfehler, aber nachdem er alle Telefonnummern auf der SIM-Karte abgespeichert hatte, lief es wie ein Tüt.
Kommissar Kammeier dachte an das Kistner-Gelände. Ein Investor hatte angeboten für 2 Millionen Euro das gesamte Kistner-Gelände zu kaufen und darauf eine Markthalle sowie eine Wohnbebauung an der Geeste zu schaffen. Kammeier gefiel diese Idee. Er verstand gar nicht warum die örtlichen Parteien auf Teufel komm raus auf dem Philipps-Field einen Discounter ansiedeln wollten.
Es war Winter geworden und die Temperaturen waren in den Keller gegangen. Komissar Kammeier freute sich darüber, dass in Fischtown immer mehr Firmen der Windenergie-Branche ihre Fabriken bauten und Arbeit schafften.

Am 3. Februar 2008 wurde bekannt, dass ein Schwager von Gino Brani, ein Guiseppe Brani, als zweiter Mordschütze von der Kripo verdächtigt wurde. Aus Ermittlerkreisen sei etwa an eine überregionale Zeitschrift gelungen.

7. August: Seit fast einem Jahr sucht die Polizei weltweit nach Adriano Brani. Der Italiener soll der Killer sein, der am 15. August zusammen mit einem anderen Mafioso sechs junge Landsleute in Fischtown vor dem Restaurant „da Angelo” erschossen hat. Am Donnerstag gab der mutmaßliche Todesschütze der italienischen Zeitung „Panorama” ein Interview: „Ich falle auf die Knie und schwöre, dass ich unschuldig bin - vor Gott, vor der Welt und den Familien der Opfer dieser schrecklichen Tragödie.”
Brani beteuerte, mit der schrecklichen Bluttat nichts zu tun zu haben. Die Ermittler wollten „der Weltöffentlichkeit und besonders den Deutschen” möglichst schnell Ergebnisse präsentieren - „egal, was die Gerechtigkeit sagt”.
„Fakt ist, dass ich Italiener bin, aus San Luca und ein Brani”, erklärte der mutmaßliche Haupttäter. Er leugne auch nicht, an dem betreffenden Tag in Deutschland gewesen zu sein: „Ich bin nach Deutschland gefahren, um meine geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln.” Eine Blutrache existiere in San Luca nicht. Diese sei „eine Erfindung der Journalisten und Behörden”. Er sei nicht in die ‘Neovera` verwickelt. „Ich weiß, dass in meinem Land Armut, Gleichgültigkeit und Misstrauen existieren. Aber es gibt auch Liebe, Leidenschaft und den Wunsch nach Arbeit”, so Brani.
Den Kriminalhauptkommissar Charly Kammeier, der die Ermittlungen zum sechsfachen Mord in Deutschland leitet, beeindruckten Branis Unschuldsbeteuerungen nicht. Für den Fahnder ist der 29-Jährige weiterhin der Hauptverdächtige. Ferner steht für den Kriminalisten nicht fest, ob die in „Panorama” wiedergegebenen Äußerungen authentisch sind.
Auch die italienische Polizei ist weiterhin überzeugt: „Er ist verantwortlich für das Massaker in Fischtown, er hat diese schrecklichen Dinge getan.”

Against all odds
Am Abend des 22. August regnete es in Fischtown, die italienischen Ermittler waren schon lange nach Italien zurückgekehrt, aber Kommissar Kammeier hatte immer noch ein Problem. Auch nach über einem Jahr gab es keine wirklich heiße Spur nach Adriano Brani und seinem Mordgehilfen. Zu seinem Kollegen Engelhardt sagte er im Büro des Stadthauses:
"Wenn uns die italienischen Kollegen weiterhin so von Informationen abschotten und nichts rüberwächst, werden wir diesen Fall niemals lösen. Wahrscheinlich sitzen die beiden Mörder in einem der vielen Keller oder Bunker unter Rossario und warten ab. In der Zwischenzeit hat er bereits einer italienischen Zeitung und zwei deutschen Zeitungen Interviews gegeben, man glaubt es nicht."
Klaus Engelhardt war ein fanatischer Fan der Rockgruppe Genesis und meinte nur lapidar:
"Against all odds- gegen jede Chance."

29. August: An diesem Abend las Kommissar Kammeier folgenden Artikel in einer überregionalen Zeitung: "Ein Jahr nach den Mafiamorden von Duisburg sind die Täter noch nicht gefasst. Man kann das beklagen. Doch ist der Polizei zuzugestehen, dass die mutmaßlichen Täter identifiziert, die Hintergründe der Tat ausgeleuchtet und die Fahndungsmaßnahmen eingeleitet sind. Früher oder später werden die Mörder ins Netz gehen.
Bei aller Empathie für die Opfer sind die führenden europäischen Kriminalisten ohnehin der Ansicht, dass nicht diese Ermittlungen das entscheidende Moment im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität sind. In deren Netzwerk stehen die Beretta schwingenden Killer auf der untersten Stufe. Sie führen Aufträge aus, in die Führungsstrukturen der mafiosen Organisationen haben sie keinerlei Einblick. Aus den gerade veröffentlichten Lagebildern des Bundeskriminalamts und der europäischen Polizeibehörde Europol lässt sich die wahre Bedrohung moderner, offener Gesellschaften durch das organisierte Verbrechen herauslesen: die schleichende Unterwanderung von Wirtschaft und Politik und dadurch wachsender Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche.
Organisierte Kriminalität ist heute ein international ausgerichtetes System der Gewinnmaximierung, vergleichbar dem multinationaler Konzerne. Das Verbrechen nutzt die globalisierten Waren- und Migrationsströme, es ist über Ländergrenzen und Ethnien hinweg straff strukturiert und in allen erdenklichen Geschäftsfeldern aktiv. Und es gibt den Trend, dass illegal erwirtschaftete Gewinne in Milliardenhöhe zunehmend in legale Unternehmungen investiert werden. Es ist das Ziel der führenden Köpfe der Unterwelt, selbst als seriöse Unternehmer angesehen zu werden und so nicht nur Prestige zu gewinnen, sondern auch an die Schalthebel demokratischer Entscheidungsprozesse zu gelangen.
Anders als in Italien mit seiner über 100-jährigen Mafiageschichte fehlt es in Deutschland noch an Problembewusstsein. Doch BKA und Europol werben aus gutem Grund dafür, die „OK“ ebenso intensiv wie den Terrorismus zu bekämpfen. Die Bedrohung mag nicht so leicht erkennbar sein. Minder gefährlich ist sie deshalb nicht."
Tja, dachte der Kommissar, wie wahr.

Endlich ein Erfolg
Am Abend des 25. November las Kommissar Kammeier in einer überregionalen Zeiung, dass die italienische Polizei 15 Monaten nach dem Mafia-Morden in der Hafenstraße von Fischtown, den Mafia-Boss Guiseppe Brani verhaftet habe. Brani steht unter dringendem Verdacht einer der beiden Killer von Fischtown gewesen zu sein. Nach der Bluttat waren die beiden Killer- Adriano Brani und vermutlich Guiseppe Brani- mit einem gemieteten Wagen nach Gent in Belgien geflohen, wo sie den Wagen stehen ließen. In dem Auto fand die Spurensicherung DNA-Material mit Schmauchspuren von A. Brani und wohl auch von G. Brani.
Am 13. März 2009 wurde Adriano Brani in Amsterdam verhaftet. Die Presse schrieb:
"
 Rund anderthalb Jahre nach dem sechsfachen Mafia-Mord von Duisburg ist der Hauptverdächtige Adriano Brani gefasst. Brani und ein ebenfalls per Haftbefehl gesuchter Schwager wurden am späten Donnerstag in einer Wohnung im Amsterdam festgenommen, wie ein Sprecher der Polizei Fischtown am Freitag sagte. Im August 2007 waren vor einer Pizzeria in Fischtown sechs Italiener durch Kopfschüsse regelrecht hingerichtet worden. Die Morde waren nach Einschätzung der Polizei der blutige Höhepunkt einer langjährigen Fehde zwischen zwei verfeindeten Mafia-Clans.
"Der Zugriff fand um 23:10 Uhr statt", sagte Komissar Kammeieer. Brani, seine Ehefrau und ihr etwa dreijähriger Sohn hätten sich zu diesem Zeitpunkt im Wohnzimmer des Siebenfamilienhauses aufgehalten. Der Schwager habe im Bett gelegen. In der Wohnung seien zahlreiche Papiere, offenbar gefälschte Pässe, Bargeld im Wert von wohl über eine Million Euro und eine Schusswaffe sichergestellt worden. Ob es sich um die Tatwaffe handle, sei noch unklar."

Der sechsfache Mord von Fischtown passierte in der Nacht vom 14. auf den 15. August 2007. Zehn Jahre später, Charly Kammeier  war schon einige Jahre in Rente, wurde ein weiterer Verdächtiger Italien verhaftet.
Einer der meist gesuchten Verbrecher Europas, Sergio Puccini, wurde wegen Mittäterschaft in einem unterirdischen Bunker verhaftet.
Puccini, einer der großen Bosse der Ndrangheta und vermutlich der Drahtzieher der Morde, schrieb die Presse.

22. März 2017




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